Walter Hövel

 

Zum Begriff der Kooperation

 

Kooperieren Sie“, brüllt der Weiße in der Uniform eines US-amerikanischen Polizisten den jungen Farbigen an. Dann erschießt er ihn.

 

Soweit zum „zeitgemäßen“, US-amerikanisierten Gebrauch des Wortes Kooperation.

 

Elise und Célestin Freinet waren alte Sozialisten. Sie wollten eine Welt in der Habsucht, Rassismus, Umweltzerstörung, Egoismus, Armut und Gewalt abgeschafft sind. In einer von ihnen veränderten Schule sollen Kinder sich selbst zu Demokrat*innen erziehen, in einer Welt der Kooperation, durch einen demokratischen Umgang mit einander. Hier setzt die Demokratie auf Demokratie!

 

Das besondere an ihnen war, dass sie diese Schule nicht in eine nahe oder ferne Schule der Zukunft versetzen wollten. Sie wollten „das Andere“, die Demokratie, hier und jetzt verwirklichen. Sie wollten hier und jetzt in der Umsetzung der Rechte aller Menschen leben und lernen.

 

Sie wussten, dass die Realisierung dieser gegenwärtigen Zukunft die Zusammenarbeit vieler, vieler verschiedener Menschen, weit über die Schule hinaus, bedeutet. Sie nannten dies Kooperation.

 

Kooperation in der Freinetklasse

 

Ihre Kooperation begann in der eigenen Klasse, setzte sich in der Region fort und mündete im internationalen Zusammenarbeiten mit eigenen und anderen Kräften.

 

Bei Freinet gab es noch die gemeinsame Korrektur eines Freien Textes aus den Texten von Schülern und Lehrkräften an der Tafel. Er wurde danach mit der Druckerei gesetzt und in Büchern veröffentlicht, die verschiedene Klassen austauschten.

 

Heute werden die verschiedenen freien Texte und Geschichten im Kreis der Gruppe, oft „Dichterlesung“ genannt, vorgelesen. Diese und andere „Techniken“ wurden schon lange in der Regelschule übernommen und „eingebaut“.

 

An der Grundschule Harmonie gab es den Austausch von schweizerischen, österreichischen und deutschen Schulklassen mit der fantastischen „Lyrik mit dem Poststempel“. Es gab das permanente E-Mail-Schreiben (als Lerngruppe) mit den englischen Austauschschüler*innen. Es gab das wöchentliche Vorlesen der eigenen freien Texte und das Vortragen des eigenen Themas per „Skype“ mit Klagenfurter Schüler*innen. Es gab das „Bestücken“ der Schul-Homepage mit Texten anderen Arbeiten.

 

Bildung untersteht den Machtverhältnissen der Gesellschaft
„Lernen kann man nur in Gesellschaft“ - Talmud, Berachot 63

 

Nicht nur Freinetmenschen wissen heute, dass es eine „Ökonomisierung der Bildung“ gibt. Sie wissen um die Antwort auf die Freinet-Arbeit und sehr vieler ähnlicher politischer, psychologischer und

 

1 Walter Hövel. Freinetpädagogik. In: Maren Gronert / Alban Schraut. HANDBUCH VEREINE DER REFORMPÄDAGOGIK. Reformpädagogische Vereinigungen und Institutionen in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Südtirol und Liechtenstein. Würzburg 2018. Download: https://www.walter-hoevel.de/freinetp%C3%A4dagogik/freinet-kooperative-e-v/

 

2 Walter Hövel. Die Dichterlesung. In: Fragen und Versuche 151/2015. http://www.walter-hoevel.de/lesen-und-schreiben/die-dichterlesung/

 

3 Walter Hövel, Kindheit als Lerngelegenheit verstehen lernen. In: Donja Amirpur, Andrea Platte (Hrsg.) Handbuch Inklusive Kindheit. utb 2017. Download: https://www.walter-hoevel.de/beitr%C3%A4ge-zur-grundschule-harmonie/kindheit-als-lerngelegenheit-am-beispiel-der-grundschule-harmonie/

 

pädagogischer Praktiken in Familien, Kitas, Schulen und Hochschulen und Weiterbildung. Dagegen stellen sich die globale Wirtschaft, die Mediengewalt und die Macht der Staaten. Sie wollen, dass Kinder nach ihrem Industrie-Konzept erzogen werden und nicht die Kinder nach eigenen Konzepten glücklich werden.

 

Hier setzt die Freinetpädagogik auf die kooperative und demokratische Kraft der menschlichen Gruppen. Sie schaffen mit ihrer professionellen Macht als Lehrer Freiräume zum schulischen Erlernen von demokratischem Reichtum, inklusiver Vielfalt und menschenrechtlichem Alltag.

 

Ebenen der Kooperation

 

In der Freinetklasse wird auf mehreren Ebenen die Kooperation ausgehend vom gemeinsamen Lernen gepflegt. Im Zentrum, als Ausgangspunkt jeder Kooperation steht die Demokratie mit dem Kreis als Klassenrat.

 

Hier werden individuell und mit der Hilfe der anderen die eigenen Themen und Aufgabenstellungen von den Menschen selbst gefunden und festgelegt. Hier bestimmen Lernende nicht nur die eigenen Fragen und die eigene Arbeit, hier finden sie ihre Zeit, Mitarbeiter*innen, Gruppen, ihren Arbeitsstil, ihre Muße und ihr eigenes Lernen.

 

Schulen bieten viele weitere Ebenen der Kooperation, mit Kindern anderer Klassen oder in Klassen eigenen und klassenübergreifenden Dichterlesungen, Adam-Ries-Kreisen, in Präsentationen oder Selbsteinschätzungen. Es gibt „Versammlungen“ in Kinderparlamenten, Schulversammlungen, Ateliers oder Arbeitsgruppen. Es gibt das Lernen draußen in der realen Welt und/oder das elektronische Lernen.

 

Es gibt „Kinderuniversitäten“, von Kindern geführt, von Erwachsenen der Schule oder Menschen aus „dem Dorf“oder der Region.

 

Zu einem modernen Kooperationsbegriff

 

Ich war Immer wieder begeistert zu sehen, was ein Christian Schreger in Wien oder eine Jenny Wienecke oder Herbert Hagstedt in ihren Lernwerkstätten in Berlin und Kassel schafften. Es war eine Augenweide die Arbeit von Gudrun Maaser oder Holger Butt in Hamburg, eine Angela Bolland mit ihren Studies oder ein Lutz Wendeler mit den Schüler*innen in Bremen zu erleben. Ich denke an die Glänzels als Sek2- oder Mahtelehrer*innen, ein Andy Honegger in der Schweiz,

 

Vgl. z.B. Herbert Renz-Polster, Die Kindheit ist unantastbar, Beltz 2014

 

Montagsstiftungen. Inklusion ist machbar. Das Erfahrungshandbuch aus der kommunalen Praxis. Bonn. 2018

 

Walter Hövel, Grundschule Harmonie - „Sich selbst und sein Lernen begreifen“ - vom eigenem Arbeiten bis zur Kinderuni, Eitorf 2013, http://www.grundschuleharmonie.de/pdf/artikel_kinderuni.pdf

 

Walter Hövel. Kinder brauchen das ganze Dorf. In: Rabensteiner/ Rabensteiner. Internationalization in Teacher Education. Interculturality. Volume 2. Schneider Verlag. 2014. S.187-214. http://www.walter-hoevel.de/schulentwicklung/kinder-brauchen-das-ganze-dorf/