Walter Hövel
Konflikte lösen mit dem Boaltheater


Mein einziges und favorisiertes Buch ist und bleibt:

Augusto Boal: Theater der Unterdrückten. Frankfurt a. M. 1989.

 

Bei Konflikten untereinander, mit Geschwistern, Eltern, Lehrern, etc. hab ich Kinder natürlich gefragt; "Erzähl mal". Dabei kamen aber meist die Konfrontativen individualisierten Positionen zum Vorschein, wenn überhaupt. Ich blieb der große Richter, der, der nachher salomonische Schiedssprüche sprach. Es schrie nach Strafe und Erziehung. Demokratisierung war nur begrenzt durch Zeitnehmen und Vorbild erreichbar. Die Kinder blieben zu oft Objekte.

 

Anders war es, wenn ich die Kinder oder Jugendlichen selbst bat, die Szenen, die ihnen passierten, vorzuspielen, also nachzustellen, was für sie geschehen war. „Gegner“ konnten gemeinsam ihre Konflikte zusammenstellen oder absolut subjektiv ihr Erlebtes darstellen. Die Szene des Konflikts wurde festgehalten bis man und frau sich einig war, dass das Gespielte geschehen war. Ab jetzt konnte diese Szene immer wieder, zuverlässig, bleibend gespielt werden.

 

Sie wurde nun solange „bearbeitet“ bis eine Lösung für alle Beteilgten sichtbar wurde. Es wird nicht darüber gequatscht, sondern Lösungsversuche wurden, mussten, im Stück mit den Beteiligten erspielt werden. Die Akteure waren nun ersetzbar oder tauschbar: Du konntest Zuschauer werden und dir anschauen, was du machtest, weil jemand anderes dich spielte. Du konntest mit deinem „Gegner“ tauschen und im Spiel erfahren wie es ihm ging. Du konntest Beobachter in einer anderen, wenn du wolltest, Nebenrolle werden.

 

Die zwischen den Szenen stattfindenden Gespräche erlauben nicht die „theoretische Lösung“ von Problemen. Das tat nur die immer wieder gespielte Szene. Alle Lösungen konntest du und konnten Mitspieler*innen oder Zuschauer*innen (durch ihr eigenes Einweichseln) nur im Spiel auf die Wirksamkeit und Umsetzbarkeit hin erproben.

In den Pausen durfte sie oder er nur sagen, was mit ihr oder ihm geschehen war, wie sie oder er sich fühlte. Es war das Theater der Unterdrückten.

 

Wichtig ist über Gefühle und Positionierungen zu reden und Taten sichtbar zu spielen.

 

Bei Lehrer*innen, in Konferenzen, auf Fortbildungen und bei Studies im Studium „klappen“ immer Spielszenen, also eigene Erlebnisse aus Lehre*innenkonferenzen, Gespräche mit Vorgesetzten, Elterngesprächen, Unterrichtsszenen oder gespielten Fachkonferenzen. Wichtig ist wiederkehrende Szenen zu nehmen, zu formen, sie zu bearbeiten.

 

Am allerwichtigsten ist die Tatsache, dass Menschen, also gerade Kinder, ihre Konflikte selbst angehen und oft genug lösen und nicht andere, Erwachsene für sie! Kinder, Jugendliche, Menschen werden Subjekte ihrer eigenen Probleme und deren Angehen als eigene Lösungen.

 

Die Psychologie und Therapien haben Form und Inhalt längst übernommen. Dabei nennen sie das Theater der Unterdrückten anders, z.B. Psychdrama, Erlebnisbearbeitung (oder anders).

 

Schwierig wird es für mich, weil oft genug rauskommt, dass es die Schule oder Kita selbst sind, dass es unsere Gesellschaft mit Macht, Geld, Konsum oder Kapitalismus selbst ist, die unterdrückt. Es kommt also darauf an, „Lösungen für jeden einzelnen“ zu finden, die es möglich machen sich zu wehren. Solange dies in Schule und Bildung psychologisch bleibt, ist es leicht „verkaufbar“. Aber im Grunde ist es politisch. Psychologie bleibt politisch.

 

Hier sind mir Renz-Polster, Remo Lago, Scrobel, Precht, Jesper Juul, Hüther, die Kinderrechte als Menschenrechte, Korczak, Emmi Pickler, Maria Montessori, die Freinets und viele andere eine große Hilfe.