Walter Hövel
Gedanken zur Konferenz

 

Nicht zum ersten Mal musste ich eine Konferenz absagen, weil eine zu große Zahl von Teammitgliedern fehlte. So war es heute in 2012 wieder. Die Namen der Fehlenden sind austauschbar. Wie schnell ist jemand erkrankt, hat einen Arzttermin, etwas privates Wichtiges oder „schwächelt“.
Im Normalfall verkraften wir das Fehlen von zehn oder zwanzig, sogar über 50 Prozent unserer Leute. Kinderkonferenzen, fortbildende und sogar einige schulentwickelnde Konferenzen verkraften dies.
Es gibt aber Systemtreffen, die die Teilnahme und Mitarbeit aller benötigen. Sonst wird die Entwicklung unserer Schule behindert.

 

 

Ich nehme dies zum Anlass über unsere Konferenzen nachzudenken.

 

  1. Eine wöchentliche Konferenz aller Lehrerinnen und Lehrer reicht nicht. Wir brauchen die tägliche Konferenz am Morgen jedes Tages. Das gemeinsame Gestalten, der Einzelne, das Wir, der Betrieb stehen im Vordergrund.

  2. Konferenzen erfassen lange nicht mehr das System aller Mitarbeiter*innen einer guten Schule mit Sonder- und Sozialpädagogen, psychologischen Kräften, eigenen Köchinnen, Integrationshelfern, Schulbegleitern, Hausmeistern, Ganztagskräften und so weiter. Es nehmen nur LehrerInnen, Lehramtsanwärter*innen und Gäste an Lehrer*innenkonferenzen teil. Alle anderen, und eine gute Schule hat immer mehr davon, müssen ohne dieses die Schule gestaltende Team arbeiten. Sie werden dadurch zu Hilfskräften degradiert, statt sie verantwortlich zu machen.

  3. Die alleinige herausragende Bedeutung der Lehrer*innenkonferenz als alleinige Steuerung des Systems Schule ist vorüber. Gutes Lernen braucht mehr.

  4. König Artus Tafelrunde scheiterte am Ableben seiner Ritter und seiner selbst. Überanstrengt unserer System uns bis zur Auflösung unseres Runden Tisches?

  5. Wird die Konferenz als „Klassenrat der Lehrkräfte“, als demokratischer Ort der Selbstorganisation und Selbstbestimmung verstanden und gebraucht? Muss sie ersetzt oder erweitert, auf- oder abgewertet werden? Oder sollen ihre Qualitäten in ein neues System transferierend neu gedacht werden?

  6. Muss eine neue Gesamt-Groß-Konferenz zu einem anderen Zeitpunkt absolut vorrangig-verpflichtend für alle Mitarbeiter*innen, als „vorrangiges Dienstgeschäft“ stattfinden?

  7. Müssen „Fehlende“ die Konferenz mit der Konferenzleitung nachholen? Protokolle alleine geben niemals Konferenzinhalte mit Menschen, Emotionen, Haltungen und Handlungsentwicklung wieder.

  8. Können die Abwesenden elektronisch anwesend gemacht werden?

  9. Wird nur geschludert?

  10. Schulpflegschaft/Schulkonferenz, Kinderparlament und Schulversammlung übernehmen und erweitern Funktionen der Konferenz. So geschieht es bereits. Es mindert die alte Bedeutung der Lehrerinnenkonferenz, stärkt aber die Entwicklungskraft der Schule.

  11. Werden Inhalte und damit vorhandene und immer wieder entstehende Formen der „Lernenden Schule“ nicht ernst genommen?

  12. Ich glaube nicht, dass jemand ernsthaft glaubt, dass Drive- oder andere elektronische Systeme Konferenzen der anwesenden Menschen ersetzen.

  13. Gute Konferenzen sind nie zu viel… ?

  14. Sollten Konferenzen regelmäßig entritualisierend-ritualisiert werden?

  15. Alle Institutionen sind nur so gut, wie ihre Menschen gemeinsam emotionieren, reflektieren, denken, spinnen, imaginieren, ihr Handeln korrigieren, planen, sich als einzelne und Gruppe weiter qualifizieren, ihre Haltung weiter entwickeln und erhalten und handlungsfähig bleiben. Kooperation bedeutet Heimat.

  16. Ein Zurück hinter die verschlossene Klassentür, Krankheitszeiten, sind eine Trotz- und Schutzreaktion von Lehrer*innen. Sie melden, deutlicher als Redebeiträge, die Dysfunktionen des täglichen Systems.

  17. Unterschätzt nicht die Bedeutung der Konferenzen mit den Kindern, im Kreis der Klasse, der Fächer, im Klassenrat, in den Feedbackrunden der Lerneinheiten, nach und während der Projekte und Kinderunis, auf den Schul- und ihren Teilversammlungen.

  18. Unterschätzt nicht die vielen Gespräche mit den Kindern, bei denen es um die Kinder selbst und ihr eigenes Lernen geht.

  19. Unterschätzt nicht die Konferenzen mit den Eltern. Sie sind unsere Erwachsenenpartner!

  20. Konferenzzeiten sollten in der Regel keine zusätzlichen Zeiten sein. Sie sind integrativer Bestandteil der Lern- und Arbeitszeit aller.

  21. Konferenzen sind Gesprächszeiten. Nicht alle Gespräche sind Konferenzen. Konferenzen fördern die Verbindlichkeit.

  22. Konferenzen brauchen Selbstverständlichkeit und Gelassenheit.

  23. Konferenzen haben Zeit, Zeit zur Schulentwicklung genauso wie zur Aussprache über Befindlichkeiten.

  24. Sollte auf Konferenzen gegessen und getrunken werden?

  25. Konferenzen haben eine öffentliche Wirksamkeit und Verantwortung.

  26. Pflegt ihre Öffentlichkeit genauso wie das Konferenzgeheimnis der Menschen und ihrer Daten.

  27. Konferenzen dürfen nie zu Kontrollveranstaltungen der Schulleitung, zur Beschlussfassungsmaschine oder Umsetzungsüberprüfung degenerieren.

  28. Konferenzen sollten im Kreis stattfinden. Jede*r leitet. Jede*r hat jederzeit die Leitungsqualifikation.

  29. Stimmt auf Konferenzen nicht ab. Jede*r sagt am Ende, was sie oder er tun wird. Heterogenität, Inklusion und Demokratie brauchen mehr als Abstimmung über Mehrheiten und Vereinbarungen.

  30. Wenn auf Konferenzen nicht gelacht wird, stimmt etwas nicht.

  31. Auch wenn Konferenzen Ausdruck der eingeschränkten Fähigkeiten des staatlichen Zwangssystems Schule sind, brauchen die Menschen, wenn sie hier arbeiten, lernen und leben das qualifizierte Miteinander um sich nicht zu überarbeiten, nicht das Übliche zu lehren und lernen und - zu überleben.