Cosima Jäkel
Kinder zum Freizeitbegriff von Kindern 

Es ist Montag, der 16.09.2013 kurz nach Unterrichtsbeginn in der Mondscheindrachen- Klasse der Grundschule Harmonie. Walter (der Schulleiter) betritt den Klassenraum. Er meldet sich und richtet sich mit folgenden Worten an die gesamte Klasse.“ Ich brauche vier Kinder für ein Interview, da ich wissen möchte wie Kinder über ein Thema denken. Wer von euch hat Lust?“ Schnell haben sich vier Kinder gefunden, die gerne interviewt werden möchten. Für diesen Text nenne ich diese Kinder; Jonas, Tim, Anna und Marie. Nachdem sich die Kinder, Walter und die Sozialarbeiterin der Schule2 zusammen an einen Tisch gesetzt haben, erklärt die Sozialarbeiterin den Kindern, warum sie die Kinder interviewen möchten. Sie sagt: „Walter und ich sind gerade dabei zu überlegen, ob die Schule Harmonie an einem Kinderwettbewerb zum Thema Freizeit mitmachen soll, bei dem ihr, also die Kinder, Fotografien von Freizeitorten einreichen könnt. Damit uns eine Entscheidung leichter fällt, würden wir euch gerne ein paar Fragen zum Thema Freizeit stellen.“ Kinder und Erwachsene sitzen entspannt zusammen und das Gespräch findet auf Augenhöhe statt. Es herrscht keine Verunsicherung von Seiten der Kinder, wenn sie auf Fragen antworten. Sie sprechen frei, offen und ehrlich und lachen auch viel. Für uns Studentinnen wirkt die Gesprächssituation routiniert. 

Interview Walter: Was ist für euch Freizeit? Antworten der Kinder: Reiten, sich um mein Pferd kümmern, Fußball, Judo,… 

Walter: Gibt es in der Schule Freizeit? Anna: Ja, die Pause und „FLieG3“. 

Walter: Und was ist jetzt? Wenn ihr hier sitzt und wir euch Fragen stellen? Kinder antworten einstimmig: Das ist Arbeitszeit. 

Walter: Wie lange seid ihr in der Schule? Jonas: Zwei bis drei. Tim: Halb eins. Anna: Zwei. Marie: Halb eins.

1 Von der Uni Bremen
2 Walter Hövel und Martina Morenzin
3 Das ist unser „GanzTag“ , „Feste Langzeit in einer Gruppe“

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Walter: Was macht ihr nach der Schule, zum Beispiel vorm Judo? Tim: Ich lese, quatsche oder füttere die Hühner. Walter: Ist das denn Freizeit? Kinder: Nein, das ist keine Freizeit. 

Walter: Anna, du hast vorhin gesagt, dass „FLieG“ Freizeit ist, was ist denn „FLieG“? Anna: Da machen wir Pause (In der Schule) und können uns von der Schulzeit ausruhen. 

Walter: Erwachsene glauben, dass Kinder immer fernsehen und am Computer spielen, stimmt  das? Was macht ihr zu Hause so? Jonas: Ich geh raus, spring auf dem Trampolin, geh in den Pool, esse Beeren und treffe mich mit anderen Kindern.  

Walter: Spielst du gar nicht Computer? Jonas: Doch, von sieben bis acht Uhr ist Computerzeit. Und wenn es regnet darf ich auch manchmal an den Computer. Walter: Anna, wie lange darfst du am Tag an den Computer? Anna: Zwei Stunden pro Tag. Walter: Und was machst du am Computer, darfst du Spiele spielen? Anna: Meistens lernen mit der Lernwerkstatt, danach daddeln. 

Walter: Was machst du sonst so am Nachmittag? Anna: Schwimmen, zum Chor, Akkordeonunterricht, Reiten und Nachhilfe. Sonst nur Fernsehen, da beruhige ich mich und entspanne. Walter: Marie, was machst du nach der Schule? Marie: Ich gehe nach der Schule zu meiner Oma und esse da. Dann sehe ich fern und mache Hausaufgaben4. Dann kommt mein Bruder und ärgert mich. Zum Abreagieren gehe ich dann zum Aquarium und gucke die Fischis an, danach streichele ich die Katze. Abends, bevor ich ins Bett gehe, gucke ich zum Entspannen eine Pflanze an. 

Walter: Haben Eltern Hausaufgaben erfunden oder macht ihr die in der Klasse aus? Marie: Meine Mama sucht Aufgaben raus. Walter: Ist das mit deiner Lehrerin abgesprochen? Marie: Weiß ich nicht.                                                  4 Was immer das ist: An der Schule gibt es einen sehr anderen, sehr differenzierten Begriff des Lernens nach der Schule

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Anna: Ich mache Hausaufgaben, weil ich mehr lernen will. Walter: Habt ihr Freunde? Die vier Kinder zählen die Namen ihrer Freunde auf und erklären, wo diese wohnen. Walter: Wenn ihr euch trefft, was macht ihr dann? Marie: Auf Heuballen legen und entspannen oder drinnen spielen. 

Walter: Warum müsst ihr denn entspannen? Anna: Von den Eltern. Die sagen immer wenn ich lese, dass ich putzen soll, oder so. Das stresst mich. Walter: Wer stresst mehr, Mama oder Papa? Anna: Mama, die will dass ich aufräume, Katzen füttere oder was beim Pferd machen soll. Vor Mama habe ich Angst und mache das dann alles sofort. Bei Papa lache ich und schrei ihn an. Walter zu Tim: Was machst du zu Hause und was stresst dich? Tim:  In meiner Freizeit rolle ich die Straße rauf und runter, bau einen Staudamm, klettere auf Bäume oder mampfe Beeren. Zu Hause stresst mich Mama, wenn ich aufräumen soll oder den Stöpsel vom Wasserhahn suchen soll. Walter: Wer stresst? Sind es eure Eltern, die euch stressen oder ist es die Art und Weise, wie es gesagt wird? Tim: Mich stresst es, dass ich das dann machen muss. Tim zählt seine Freunde auf und erklärt, dass für ihn „Freundetreffen“ Freizeit ist, weil ihn dann keiner stresst. 

Sozialarbeiterin: Es geht ja um einen Fotowettbewerb zum Thema Freizeit. Was sind Orte, an denen ihr gerne seid und an welchen Orten seit ich nicht so gerne? Kinder sammeln schöne Orte: Reiterhof, Strohballen, Judo, Trampolin und Fußball. Und Orte, an denen sie nicht gerne sind: Abends im dunklen Wald, ohne Taschenlampe, beim Zahnarzt oder im Keller. 

Walter: Ist das Freizeit, wenn ihr zum Zahnarzt geht? Kinder: Nein, da muss man ja hin. Genauso wie zum Logopäden oder zur Polizei. 

Walter: Macht Freizeit denn immer Spaß? Was ist Freizeit? Kinder: Ja, Freizeit macht immer Spaß, weil man machen kann, was man will. Freizeit ist Zeit zum frei sein. Man kann selbst bestimmen.

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Walter: Also ist Freizeit auch die Zeit, wenn du faul bist und nichts machst? Kinder nach langem Überlegen: Nein, Faulenzen ist keine Freizeit. 

Walter: Und in der Schule, gibt es da auch Freizeit, also Zeit zum frei sein? Kinder: Ja, die Pause. Und die Zeit zwischen dem Arbeiten.  

Walter: Und ist das Interview arbeiten? Kinder: Ja, es ist Arbeit und keine Freizeit. 

Walter: Wenn diese Unterhaltung draußen stattgefunden hätte, in der Pause mit euren Freunden, wäre das dann Freizeit? Kinder nach langem überlegen und etwas Verwirrung: Ja, klar! 

Nachdem das Interview beendet ist und sich bei den Kindern bedankt wird, werden voller Begeisterung die Antworten der Kinder bestaunt. Es wird festgestellt, dass die Kinder schon einen doppelten Freizeitbegriff kennen. Den offiziellen, der oft mit Konsumartikeln verbunden ist, wie Reiten oder Judo und den Freizeitbegriff als Freiheitsbegriff. Zudem wird festgestellt, dass die Eltern die Kinder anscheinend oft stressen, so dass diese sich von ihren Eltern erholen, also entspannen müssen. Walter erklärt uns, dass alle Kinder sehr nette und liebevolle Eltern haben. Nur Jonas meinte, dass Aseine Eltern nie stressen. Nach dem Interview wird noch überlegt, ob die Begriffe „Stress und Entspannung“ von den Kindern wirklich so empfunden werden, oder diese eher durch die Erwachsenen geprägt sind. 

Im Gespräch nach dem Interview5 hat uns Walter darüber informiert, dass bei den vier Kindern beim Messen des IQs höchst unterschiedliche Ergebnisse rauskommen würden. Anna, war vorher auf einer Sonderschule und hat höchstens einen IQ von 85. In der vorherigen Schule wurde Anna als „lernbehindert“ eingestuft. Sie macht zu Hause sehr viel für die Schule. Jonas hingegen würde bei einem IQ-Test wahrscheinlich die „Diagnose Hochbegabung“ bekommen. Während des Interviews sind uns keine Unterschiede aufgefallen.  

 

5 Das Interview ist an manchen Stellen eher sinngetreu, da ich nicht alle Sätze genau notieren konnte. Einige Aussagen habe ich gar nicht notiert, wie zum Beispiel Wiederholungen der Kinder oder wenn in kurzer Zeit sehr viel gesagt wurde.