Klaus Glorian, Reiner Ubbelohde

 

Immer noch der Zeit vorraus

 

Rezension

 

 

 

Die Pädagogik Kooperative Bremen bietet zum 100. Geburtsjahr von Célestin Freinet ein Buch mit dem Titel "Immer noch der Zeit voraus - Kindheit, Schule und Gesellschaft aus dem Blickwinkel der Freinet-pädagogik" an. Den Herausgebern Jochen Hering und Walter Hövel ist mit diesem Buch eine Synthese zwischen "klassischen" Texten Freinets und aktuellen Beitragen von Wissenschaftlern und Schulpraktikern zur Schulkritik und Praxis der Freinetpädagogik gelungen.

 

 

 

In dem Buch sind Texte von Célestin Freinet aufgenommen, die gegenwärtig im Buchhandel nicht zugäng-lich sind. Diese sehr bildhaft und anschaulich geschriebenen Texte verblüffen durch ihre nach wie vor hohe Aktualität. Sie geben ein Beispiel für eine aus der Reflexion der eigenen Praxis gewonnenen Schulkritik mit großem Erkenntniswert. Die von Freinet vor Jahrzehnten formulierte Kritik trifft noch immer auf den Zustand großer Teile des Schulsystems zu.

 

 

 

So zeigt der Text "Adler steigen keine Treppen - Vom methodischen Treppensteigen " den noch immer grundlegenden Fehler der heutigen Schule auf kindliche Lernwege durchgehend methodisieren und kindlichem Eigensinn keinen Spielraum geben zu wollen. Nicht vergessen wird die Leistung von Elise Freinet, die ". .. innerhalb der entstehenden Freinetbewegung die Bedeutung des freien Ausdrucks und der Kunst und der Ästhetik betont (hat)" (S. 233).

 

 

 

Die Originaltexte wechseln sich ab mit solchen, die den Stand der Freinetpädagogik in der heutigen Zeit spiegeln. Die Spannweite dieser Texte geht von eher grundlegenden Artikeln wie "Sollen die Menschen verhältnismäßig werden oder die Verhältnisse menschlich?" von Johannes Beck bis hin zu Artikeln aus der Praxis wie "Von Kullersystemen, freien Texten und dem Lob des Fehlers. Freinet bewegte Wege im Mathematikunterricht" von Angela Glänzel-Zlabinger. Hervorzuheben ist, das die (Wieder-) Entdeckung der Freinetpädagogik durch ,die universitäre Erziehungswissenschaft in dem Buch ihren Ausdruck findet. So setzt sich beispielsweise Herbert Hagstedt mit der Frage "Freinetpädagogik und Erziehungswissenschaft - ein gestörtes Verhältnis?" auseinander, wahrend Ursula Carle in dem Beitrag "Wer die Schule verändern will, muss die angehenden Lehrerinnen und Lehrer gewinnen“.

 

 

 

Freinet-Pädagogik an der Hochschule" über die praktische Umsetzung der Freinetpädagogik in der Lehrer-ausbildung berichtet. Mit der Vielfalt der Beitrage gibt das Buch einen hervorragenden Einblick in die Anwendungsbreite der Freinetpädagogik und ihre theoretischen Hintergrunde. Letzteres hatte durch die Herausgeber noch deutlicher akzentuiert werden können, wenn sie neben Freinets Überlegungen zum Verhältnis von Arbeit und Spiel noch weitere theoriegeleitete Texte neben die metaphorischen gestellt hatten. Allerdings wäre das wohl nur zu Lasten der aktuellen Beitrage gegangen.

 

 

 

Das Buch macht Mut, mit der Veränderung der praktischen Arbeit in Schule und Universität zu beginnen oder fortzufahren, seine Lektüre ist jedem zu empfehlen, der ein Interesse an Veränderungen im Bildungswesen - vom Kindergarten bis hin zur Universität - hat.