Mingem Ühm Nieres un dr Tant Züff“

 

Walter Hövel

 

Namen bei uns in Eitorf

 

Im April 2019 stehe ich zusammen mit Willi („Will“) Schlimm aus Ottersbach und Rudi („Rudka“) Beck aus Rodder bei den Jägerheimfreunden. Ich bekomme erklärt, was ein „Hungksploch“ war.

 

Dabei unterhalten wir uns über alte Namen. Früher hatten die Leute noch latinisierte, meist aber rheinische Namen. „Sie hatten fast immer einen Spitznamen“, erzählen meine Freunde.

 

Als ich mich verabschiedete, sagte Willi Sonntag noch: „Wer keinen Spitznamen bekam, wurde gar nicht gesehen“.

 

Ich überlegte im Weggehen, ob wohl Willi Sonntag einen Spitznamen hatte. Und ob! Bevor ich ihn als zukünftiger Schulleiter der Grundschule Harmonie persönlich kennenlernte, hieß er für mich – obwohl ich ihm noch nicht begegnet war - schon „der Bürgermeister von Harmonie“.

 

 

 

Ich glaube, dass der Name jedes Menschen etwas mit jeder Person zu tun hat. Der Name steht nicht „neben“ oder „zu“ ihm. Mit ihm bekommen wir ein Programm, eine Persönlichkeit, einen Teil unserer Identität, unsere Individualität - und Bedeutung für unser Zusammenleben.

 

 

 

Die Geschichte unserer Namen

 

Unsere Vornamen sind fast alle mehrere tausend Jahre alte Wege über das Griechische, Hebräische, Lateinische, Germanische, Keltische, Slawische und manch andere Sprache gegangen.

 

 

 

Wir bekommen immer noch raus, wer „die Leben Spendende“, wer der „Fersenhalter“, die „Geliebte“ oder „Wohlgenährte“, „Christin“ oder „Gesalbte“, der „Heerführer“ , „Männer abwehrende Beschützer“, die „kleine Bärin“, „Löwin“, der „edle Wolf“ oder „der Herr ist gütig“ ist. Wir können immer noch die „Saubere“, „der dem Krieg Geweihte“, der „Trauernde“, die „Fürstin“ oder „Fallsüchtige“ (Eva, Jakob, Maria, Christiane, Walter, Alexander, Ursula, Lea, Adolf, Tobias, Karin, Markus, Linus oder Sarah) identifizieren.

 

 

 

Unsere Familien- und Nachnamen sind dagegen einfacher. Sie sind in aller Regel Berufsnamen (Müller, Schmidt, Schneider, Fischer, Weber, Wagner, Becker), Standesbezeichnungen (Meyer, Schulz oder Hoffmann) oder Ortsnamen wie Wald, Berg oder Feld. „Auf dem Land“, wie in Eitorf sind es gerne Wohnorte (wie „Bohlscheid“, „Siebigteroth“ oder „Ottersbach“). Es sind „Vatersnamen“ (wie Petersen oder Paulsen) oder „Übernamen“ (Bezeichnungen von Eigenheiten wie Lang, Klein oder Schön).

 

 

 

In unserer Kultur war es so üblich, dem Kind den Vornamen einer heiligen Person zu dessen Schutz zu geben. In aller Regel feierten die Katholiken früher nie den Geburtstag, sondern den Namenstag des oder der Heiligen.

 

 

 

Gerne „schleppen“ wir mit unseren Namen einiges rum, was uns die Eltern mit der Namensgebung „schenkten“. Es ist ein subtiler Ausdruck unserer Erziehung. Die Altvorderen wollten den Jüngeren „etwas mitgeben“. Das Erbrecht wurde zumindest bei den Namen zu einer Art Erbpflicht. Mit der Ausnahme einiger Indianerstämme, geben Eltern ihren Kindern einen Namen vor. Die Spitznamen sind eher selbst ausgesuchte oder nach der Geburt von der engsten eigenen Gesellschaft gegebene Namen. Eltern haben hier wenig direkten Einfluss.

 

 

 

Die Geschichte der Familiennamen

 

Die Verwaltungen des Bürgertums sorgten dafür, dass wir alle einen „Zunamen“ bekamen. Der Gebrauch eines festen Familiennamens wurde in den west- und süddeutschen Städten üblich. Noch im 15. Jahrhundert sind Familiennamen nicht durchgehend im deutschen Sprachraum anzutreffen.

 

 

 

Der Familienname hatte bis ins 18. Jahrhundert hinein zumeist nur eine untergeordnete Bedeutung. Der Ruf- oder Vorname blieb der eigentliche Name. Bäuerliche Gegenden kamen bis zum 17. oder 18. Jahrhundert ohne einen festen Familiennamen aus. 1875 wurden im Deutschen Reich die Standesämter eingeführt und die Vor- und Familiennamen festgeschrieben. Die Bürgerlich-Wohlhabenden übernahmen die Sitte des Adels, der seit 1037 feste Familiennamen als Erbanspruch trug.

 

 

 

In unseren Patriarchaten verlieren Frauen ihren Geburtsnamen und bekommen den der Familie des Mannes. In matriarchalen - also älteren - Ursprüngen, bleibt man Mitglied einer Geburtsfamilie und alle tragen den Namen der Mütter. Heute gibt es eine Tendenz zu Doppelnamen oder man sucht bei der Heirat für sich und seine Kinder einen Namen aus.

 

 

 

Eitorfer Namen

 

Viele Leute hatten und haben einen Spitznamen wie an meiner Schule. Es gab den „Flabes“, den „Pitter vun dr Post“, den „General“, den „Falschen Fuffziger“, „Kaiser Willem“ oder die „Heulsuse“. Einige brachten ihn mit, andere erhielten ihn, manchmal war es ein nicht wiederholbares, oft situatives Wortspiel.

 

 

 

Hannes oder Hennes Löhr war noch als Präsident des Golfclubs einer der prominentesten Eitorfer. Er hieß schon vor Ort, dann als Fußballnationalspieler und Stürmer des 1.FC Köln immer „Die Naas“ oder „Bimbam“. So wie er als Kind die Kirchenglocken läutete, so schoss er auch die Tore.

 

 

 

Sehr viele Namen der Vergangenheit nennen den Vornamen, einige den Familiennamen oder beides. So kennen die Eitorfer noch im Dialekt: et Hilde, Tring, Züff, Usch, Tante Lenchen, et Marie, dr Benjo oder et Änn, aber auch dr Manes, Henn, Hein, Mään, Ali, Schorsch, Köbes, Hell, Bätes oder Chriss.

 

 

 

Über andere wurde gerne nur mit dem Familiennamen gesprochen, wie „dr Ellingen“, „dr Wissmann“ oder „dr ahle Schilling“, „dr Lubo“, „dr Krombach“, der „Bär“ (von Bärhausen) oder „dat Redscheroth“. Neue Namen kommen hinzu wie Deitenbach, Kollak, Yilmaz, Skrobic, Güven, Vetere, Huy, Scheiermann, Zacharias oder Moreira.

 

 

 

Die aktuell häufigsten Namen der Eitorfer(1)

 

Nach der Liste der Gemeindeverwaltung heißen die Eitorfer*innen im März 2019 in der Reihenfolge: Schmitz (1.), Müller (2.), Schmidt (3.) und Becker (4.). Auf dem 5.Platz folgt ein echter hiesiger Nachname. Es ist „Bohlscheid“. Wieder folgen mit Klein, Schneider, Weber und Schumacher auf den Rängen 6 bis 9 typische deutsche Namen. Auf dem 10. Platz ist dann wieder ein „echter Eitorfer“ mit „Welteroth“. Wieder andere Eitorfer folgen mit „Patt (12.)“, „Siebigteroth (14.)“, „Quadt (16.), „Schiefen (17.)“, „Bourauel (18.) und „Rösgen (19.)“. Später folgen noch „Windscheif“, „Limbach“, „Löhr“, „Ottersbach“ und „Kolf“. Auf dem 30. Platz folgt der erste türkische Familienname „Baş“ (Was so viel wie „Kopf“, also „Haupt“ bedeutet.)

 

 

 

In der „Hitparade“ des Eitorfer Telefonbuchs wäre „Müller“ auf dem ersten, direkt gefolgt von „Bohlscheid“ auf dem 2. und „Welteroth“ auf dem 4. Platz.

 

 

 

Viele der „Eitorfer Namen“ bezeugen die Herkunft aus einem nahen Dorf. Andere geben die Herkunft aus einer „alt eingesessenen“ Familie an. Medien lassen sich in Form von kommunalen Homepages oder Wikipedia, so auch in Eitorf, „neue Listen bekannter Persönlichkeiten“ einfallen. Dahinter stecken sicher Menschen und Interessen. Schauen Sie mal unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Eitorf (vor allem unter 9).

 

Die eigene Namensgebung

 

Oft werden Nachnamen „vereinfacht“, wie „Hatti“ (Hatterscheid) oder „Fuggi“ (Fuchs). Aus „Höhnscheid“ wird „Hääsch“ oder aus „Kloden“ wird „Kuki“. Aus dem Vornamen „Jodokus“ wird „Dökes“, aus „Peter“ „dr Pitter“ oder aus Karl-Josef „Kajo“. Aus Florian wird „Flo“ oder aus Sebastian „Seba“, „Basti“, „Reba“ oder gar „Waschtl“. Aus Reiner, ursprünglich „Rheinerus“, wird im Kölschen „Nieres“ oder aus „Severin“ „Vring“. Aus Katharina wird „Tring“, aus Theresia „Resie“ oder „et Res“. Frau Kessel aus dem Schützenhof heißt bei allen nur „et Elsjen“.

 

 

 

Über den alltäglichen Namen hinaus werden manchmal „echte“ Namen vertauscht. So gratulierte jemand Frau und Herrn „Patt und Fuchs“. Das, obwohl Herr Fuchs „Wenzel“ hieß, aber rote Haare hatte. Manchmal gibt es auch genauer beschreibende Kombinationen, wie „dr Kohlen Karl“, „Spitz Lohberg“, „dr Duvve Schmitz“, „Knöchels Pitter“ und „Plääte Nieres“. Aber auch einfache Vor- und Zuname werden zur Kommunikation über Menschen genutzt, wie „Konnes Hohnsbach“, „Schlimmse Will“, „Strutze Jupp“, „dr Thomas Schreiber“ oder „et Sara Zorlu“, „et Meinkes Gisela“ und et „Herkenrats Ute“.

 

 

 

Oft werden auch „gängige Namen verliehen“, die oft nur etwas Äußeres beschreiben. Gefunden habe ich der „Lang“, „Schmal“, „Schlax“, „Gries“, „Fips“, „Fip-Fip“ oder „Fibbes“, „Schääl“, „Ming Ahl“, „Spatz“. Es gibt „dat Schwatze“ (wegen der Haare), der „Weiße Rabe“ (wegen schwarzer Gesinnung und weiße Haare), „et Rotkäppchen“ (wegen roter Haare). Es gab den „Bömmel“, den „Ibatt“(?), den „Piefenkääl“, „et Glöcksche“, den „Jüngel“, die „Putschblos“. Es gab einen weiteren Mitbürger mit Namen „Naas“ (wegen einer ständig verbundenen Nase), „Beppes“, „Schmierwursch“, „Rucki-Zucki“, „Brööder“, der „Panzerknacker“ (wegen des Körperbaus), „Bölk“ (Bier), „Fuss“, „Puddings Len“ oder „Jaadewälzje“. Sie heißen „der Manni“ (für eine Frau), „Klöwer“, „Zitt“, „Jüngel“, „Krawallbuzz“, „Onkel Olly“, „Tuppi“ oder „Babo“. Da gibt es die „Ostgotin“, „Natascha P.“ oder „ et Natatalie“. Auf die Herkunft wies der Name „Ri Hennessche“ oder „Patts Lang“. Manch jemand sprach ihn mit „Herr Lang“ an.

 

 

 

Manchmal sind zusätzliche Namen auch einfach spitz, derb, gemein, sogar brutal und werden gar nicht gerne gehört: „Labbes“, „Dummo“, „Buckel“, „Püllem“, „Knolle“, „Dicki“, „Zwerch“, „Fahne im Wind“, „dr Naaße“, „Schwänz“, et „Prümmelinschen“, „dr jeile Schorsch“, „Marutscha“ oder „das Triumvirat des Versagens“.

 

 

 

Auch werden sie mit den Wohnorten kombiniert, wie der „Scheich von Mühleip“, der „Bürgermeister von Harmonie“ oder „Bürgermeister von Bohlscheid“, der „Schrulles us Ottesbisch“, „et Ilse us Alzemisch“, „dä Lüschedder“, oder dä „Ehrsfeld vom Heidehof“. Hinter dem „Alzenbacher Dreigestirn“ stehen gleich drei Personen.

 

 

 

Auch Kneipen haben und hatten Namen, die „es in sich haben“: „Backes“, Mäc“, „Pallisander“, „Dresen“, „Höllemöhn“, „Top Spin“, „Picador“, „Mythos“, „La Scala“, „Scheel Seck“, „Dröpelminna“, En dr Hött“ und „et Böck Dich“.

 

 

 

Bei anderen blieb der Name – oft durch Ereignisse - „einfach hängen“, wie „dä Frisch“ für Michael Breuer, „Don Kikeriki“, „Pännel(s) Pöl“ (für Paul), „Dreckisch Hals“ oder „Dreckhals“, „Fax- und fertig“, Pudding, „Schweinemama“, „Hinge-Erüm-Strippenzieher“, „Jameika Reiner“, „Papageiwitsch“ oder „Ölfooß“.

 

 

 

Eine tolle Geschichte ist die vom „Heckeschere Jupp“. Er kündigte an, sich eine Gartenschere zu kaufen, was er auch tat. Seitdem hieß er auch so, obwohl er gar keine Hecke hatte. So gibt es den „Costa Flügel“, weil er gigantische Flügel-Tätowierungen trägt. Ein anderer hieß „Hitler“, obwohl er rein gar nichts mit rechtem oder Nazigedankengut zu tun hat. Wieder ein andere heißt „Sven Beule“, was auf seine Bodybuilding-Tätigkeit zurück zu führen ist.

 

Andere beschreiben Fähigkeiten, wie beim „Schäng met dr Quetsch“, „dä Pützmann“ (Brunnenbauer), „Landgraf“, „Doc“ (als Helfer), „Professor“, dr „Schnelle Schäng“, manchmal mit einem feinen Humor verbunden wie beim „Auftragskiller ohne Auftrag“ oder „Schatzemann“ (eigentlich war er „nur“ Schatzmeister).

 

 

 

Ein besonders böser, aber treffender Name war sicherlich „Königin von Polen“ für die Frau des Nazi-Reichsminister und „Generalgouverneur von Polen“ Hans Frank, für Brigitte Herbst, geboren in Eitorf. Sie bekam ihn, weil sie in Saus und Braus lebte.

 

 

 

Manchmal geben Menschen sich auch selbst einen Namen, wie „genannt Schröder“ oder „genannt Matena“ (aus Tchechien, vom hl. Matthäus). Wahrsager*innen nannten sich „Krähe“ und „Rabe“. Oft werden gerade in Schulen Spitznamen durch Vereinfachung des Nachnamens oder Verenglischung gegeben. So entsteht aus „Reisbitzen“ „Reisi“, aus „Kisteneich“ „Kickes“, aus „Stiegel“ „Stigi“ oder aus „Max“ „Mäx“.

 

 

 

Ortsnamen haben oft ältere Namen noch im Dialekt. Schreiber des preußischen Königs hatten versucht vorhandene Namen ins Hochdeutsche zu bringen. So heißt sie immer noch „Op de Bitz“ oder „Humisch“. Mühleip heißt so, weil dort bis in die 50-iger Jahre eine von zwei Mühlen noch arbeiteten. Alzenbach heißt heute noch bei vielen „Alzemich“ oder Irlenborn wurde von einem Kind als „Millebonne“ verstanden. Straßennamen behalten alte Namen, so wie die „Schöllerstraße“ „en dr Holl“ heißt. Die „Hecke“ in Rodder war vielleicht ursprünglich die Sanddorn-Schlehen-Brombeerhecke der mittelalterlichen Landwehr. Auf dem „Wüllesfeld“ fand einst die Kirmes statt, der „Plutenmarkt“ heute in der Cäciliestraße. Da gibt es die „Plätschwies“. Der noch existierende Mühleiper Weg zu den Mühlen, heißt im Volksmund „Müllewä“. Berge heißen und hießen „Höberg“ oder „Himmelsberg“. Auf dem Höberg stand übrigens ein Baum namens „Krus Fischtschen“, von dem aus der Kölner Dom zu sehen war. Ein anderer Waldweg hieß „De düstere Jass“. Hier wurden Waldbeeren gepflückt.

 

 

 

Spitznamen können auch Decknamen sein. So erfanden Dörfer der Eitorfer Schweiz solche für Wilderer oder andere Mitbewohner, damit sie nicht von der Staatsgewalt „erfasst“ und „gefasst“ wurden. Sinti haben grundsätzlich – seit der Nazizeit zum Schutz gegenüber den Behörden – offiziell einen anderen Vornamen beim Amt als in der Familie. So kann jemand beim Amt „Petra“ und zuhause “Beyoncé“ heißen. Heute ist es in, im elektronischen Netz oder als Künstler*in einen „Decknamen“ zu haben.

 

 

 

Es werden englische Wörter übernommen, wie bei „dr Frau Google“, beim “Ränscher“, „Fox“ (für Fuchs), „Killer“, Lord“, „Oklahoma Tom“, „Charley“, „Burgerking“, „Beefi“, „Lucky“ oder „JR“ (aus der US-TV-Serie „Dallas“). Sogar ein ganzer Teil eines Wohnortes heißt „Klein Texas“. Manche Namen sind lange Wege gegangen: „Knocky“ kommt aus dem „Paradise Mad Comic“, „Peppi“ ist der Hund „des kleinen Arschlochs“ oder „Sexy T.“ ist Gitarrist der Heavy Metall Band „Crowbar“.

 

 

 

Der Betreiber eines Restaurants hieß schnell „dr Italiener“, „dr Schinees (obwohl sie Vietnamesen sind) oder „Grieche“. Eine Schönheit ist „die Spanierin“, oder „Zugereiste“ hatten noch ganz andere Namen als „Imis“ oder „Pimokke“. Mal sind es auch lustige Geschichten oder Wortspiele. Frage: „Welchen „Derscheid“ im Rathaus meinst du? Antwort: „Ja, dä Scheid“. Im übrigen ist der Spitzname des Rathauses "Karnickelkasten". Im zweiten Stock ist in der Bleiverglasung ganz oben links ein Kaninchen in einem Kasten zu sehen.

 

 

 

Der Autor selbst hieß neben „Kaninchen“ woanders auch „Herr Freinet“ oder „dr Philosoph“. Früher hieß ich durch meinen Nachnamen, „dä Hüvvel“. Ich bin also einer vom Hügel. In England heißen wir „Hill“, in Frankreich „Collines“ und im Jiddischen „Hillmann“.

 

 

 

Von sehr vielen „alten“ Eitorfern bekomme ich ganze Listen. Einer gibt mir z.B. „Puckel“, „Kickes“, „Jüffi“, „Spitz“, „Kugelblitz“, „Schlapen“, „Schwing“, „Hampi“ und „Juppa“. Andere, so von der Firma „Can Aktiv“, bekam ich „den Mengberg“ für „Bourauel und Hohn“ und den „Eselsberg“ für „Lützgenauel und Merten“. Sie kannten das „Kurscheids Eck“, das „Löhrs Eck“, die bereits genannte „Holl“ und „das Klösterchen“.

 

 

 

Gerne werden Situationen einfach in die eigene Sprache übersetzt. So ist der „Pittermanns Flöck“ ein „Flotter Otto“ und „dat ärme Dier“ ein „Blues“. Vorurteile werden erfunden, wie „Klein Istanbul“ und das „Tal der fliegenden Messer“.

 

 

 

Ich möchte in die Sprache von weit über 1000 Eitorfer*innen mit türkischsprachigen Wurzeln schauen. Im Jahre 1934 ließ Kemal Atatürk alle verbliebenen ehemaligen Osmanen sich ihren Namen aussuchen. Viele nahmen ihren Spitznamen, die Mehrzahl erfand einen. Die einen nannten ihre Familien „Sicherheit“, „Edeleiche“, andere „Jemand, der stark und kräftig ist“, wieder andere sahen sich als „Haupt“, „Tiger“ oder „Löwe“. Sie nannten sich „Stahlhand“ oder „reines Leben“. Wieder andere „Der vor nichts zurückweicht“, „Roter Fluss“, „Stahl“, „Fahne“ oder „Der als Mann geborene“. (In der Reihenfolge: Güven, AAkmeşe, Zorlu, Baş, Kaplan, Aslan, Demirel, Özcan, Yilmaz, Kızılirmak, Celik, Bayrak oder Erdoğan). Bei fast allen türkischen Namen hat der Vor- oder Rufname als auch der Nachname noch eine heute verständliche Bedeutung. Sie heißen sie mit Vornamen „Meer“, „Bächlein“, „Delfin“, „Blumenstrauß“, „Letzte Rose“, „Meine Liebe“, „Vollkommenheit“ oder „Frieden“. (Wieder in der Reihenfolge: Deniz, Irmak, Yunus, Demet, Songül, Sevim, Kemal oder Bariş.)

 

 

 

In der Begegnung mit der deutschen Sprache bildeten sich neue Namen wie „Schatzim“ heraus. Es bedeutet „mein Schatz“ (Die türkische Sprache kennt keine Präpositionen, sondern hängt an das deutsche Wort „Schatz“ das türkische Suffix „im“ für „mein“ an). Wenn ich in „Bonn“ bin, heißt es „Bonnda“. Übrigens ist „Alde“ kein Hörfehler, sondern die Zusammensetzung aus dem Supermarkt „Aldi“ und dem Suffix „ı“, also das stimmlose „i“ ohne Punkt. „Aldı geliyorum“ heißt also „Ich gehe zu Aldi“ und nicht „Ich gehe Aldi“. Bei türkischen Jugendlichen kommt es wie auch hier in Eitorf oft zu einer Kombination des türkischen Vornamens und des deutschen oder türkischen Worts für den Beruf. So wird man zu „Deniz Barbir“, „Murat Taxi“, „Erkan Wachstum“ oder „Mehmet Auto“.

 

 

 

Gibt es mehr oder weniger Spitznamen?

 

Frage ich heute Jüngere, ob es weniger Spitznamen gibt, ist die Antwort meistens Nein. Frage ich indes Ältere, so fällt die Antwort anders, aber sehr verschieden aus. Der Gebrauch von Spitznamen ist bei Ihnen oft eine Erinnerung an die ursprüngliche Sprache, das Kölsche oder Rheinische Platt. Jüngere erleben ihre Gegenwart. Es ist ein Daran-Erinnert-Werden, dass wir als Menschen mehr als Namen, Nummern und Adressen der Verwaltungen, Betriebe, Arbeitsämter, der Konsum- und Werbeträger sind.

 

 

 

Mit der zunehmenden Sensibilität für Frauen, Kinder, arme oder reiche Menschen, verliert sich die Zuordnung durch zusätzliche, oft genug beleidigende oder grob beschreibende Namen. Wir werden sensibilisiert für eine „Political Correctness“ und eine nötige „Identifikation“, die allerdings heute zuerst Ämter vornehmen.

 

 

 

Wir verlieren unsere Unbefangenheit durch Sprache und verändern die gleiche zu mehr Distanz und Funktionalität. Vielleicht sollten wir neu Entstehendes wie Jugendsprache, Denglisch oder die Wiederbelebung von Dialekten und den Erhalt von Sprachen nutzen, um uns auch über eine freie Namensgebung im Alltag näher zu kommen.

 

 

 

Wir finden Spitznamen in der Vergangenheit, im Kölschen oder Platt, aber auch bei anderssprachigen Menschen. Solche Namen hängen nicht von der Existenz des Rheinischen ab. Es gibt zusätzliche Namen überall, in allen Sprachen, Regionen und Ländern. Manchmal kommen sie aus den Herkunftsländern der Menschen zu uns. So heißt der Rudi „Rudka“, der „Mehmet“ „Ali“, der „Johannes“ „Scheng“ oder „Jean“, der „Ilias“ „τρία πόδια” oder die „Franzesca“ „Madonna“.

 

 

 

Sie nehmen dann Distanz weg. Sie können den Grad der Eigenidentifikation oder Eigenwertigkeit erhöhen. Es verschwinden Namen für Paten und Schutzheilige. Das Herausheben von Auffälligkeiten und die Lust am Spott nehmen ab. Oft ist es nichts anderes als die Lust am Spiel der Benennung, der freien Namensgebung.

 

 

 

Noch vor 500 Jahren gab es für die Normalsterblichen kein Einwohnermeldeamt, keine Registrierung von Amts wegen oder gar einen Datenschutz. Früher war man „dat Jul us Merten“. Zur offiziellen Namensgebung vor einigen hundert Jahren wurde das „Julsche“ beim Einwohnermeldeamt vielleicht zur „Julianna Müller“. Vielleicht war es eine Gegenwehr oder „Ergänzung“, eine Tradition im Volk, dass sie „et fussisch Julschen“ gerufen oder zu Hause „et Julia“ genannt wurde.

 

 

 

Noch heute wissen einige ältere unserer Mitbewohner z.B. aus Anatolien, weder ihr Geburtsdatum noch ihr wahres Alter. In Eitorf war dies in einer gar nicht so fernen Vergangenheit, vor allem bei unseren armen Vorfahren auch so. Da wurde man vielleicht, lange vor oder nach der Leibeigenschaft, bei der Kirche angemeldet, falls man als Baby oder Kind angesichts der hohen Sterblichkeit überlebt hatte und der Vater oder der aufschreibende Mönch noch nicht zu viel Schnaps getrunken hatten. Schon früh versuchten kirchliche Würdenträger die Menschen zu registrieren.

 

 

 

Mit unseren Lebensverhältnissen veränderte sich auch der Gebrauch unserer Namen. Ich denke, überall da, wo die Menschen mit einander zu tun haben, entstehen Namen. Das kann beim Sport, im Jugendcafé, in der Schule, bei der Arbeit, im Netz oder beim Tanz sein. Ich vermute, dass es immer schon Namen zur Identifikation von Menschen gab. Mit unserer Sprache identifizierten wir schon vor vielen tausend Jahren einzelne, die „jagen“, „die Sippe zusammenhielten“, „kochen“, „lieben“, „heilen“, „in die Zukunft schauen“ oder „sammeln“ konnten. Bald gaben wir ihnen „feste Namen“. Die ersten dieser festeren Namen bekamen jene, die Land, Menschen, Wasser und Macht besaßen. Sie waren „wichtig“ .Sie wurden zu Herrschern, dann zu Adligen, Heerführern, später zu Politikern und Leiter*innen von Betrieben, Armeen, Verwaltungen und Banken.

 

 

 

Aber alle bekamen ihre Würde, und mit ihren Namen auch ihr Menschenrecht. Durch Originale, Besonderheiten, die Notwendigkeit der Identifikation, bei Namensgleichheit oder schnellerer Benennung entstanden neue Namen.

 

 

 

Viele sind der Meinung, dass es „früher mehr Originale gab“. Das könnte auch die Tatsache sein, dass die Vergangenheit bei den meisten Menschen eine natürliche Überhöhung erfährt. Vielleicht verlieren Benennungen auch nur ihre „Spitze“. Sie werden in der Gegenwart weniger die Schwächen treffen als die Stärken. Der Einzelne bekommt mehr Würde, seine eigene Wichtigkeit und Eigenidentität. Wir sind „aufgeklärter“ und selbstbewusster. Das ist Identität in unserer demokratischen Gesellschaft. Man besitzt mehr als einen Namen.

 

 

 

Ich hätte die Befragung der Eitorferinnen und Eitorfer endlos fortsetzen können. Jede und jeder(!) hat Namen im Kopf. Jede und jeder steuerte neue Namen bei.

 


Unsere eigene Geschichte und Gegenwart, auch in Eitorf, gibt uns mehr Namen als es Menschen gibt!

 

1Stand März 2019 durch die Gemeinde Eitorf