Pia-Maria Rabensteiner, Gerhard Rabensteiner

 

Die Grundschule Harmonie

 

Seit zehn Jahren besuchen wir in jährlichen Abständen die Grundschule Harmonie in Eitorf. Dabei halten wir gewonnene Eindrücke, die sich im Schulleben, im Schulalltag er­eig­nen, fest. Das tägliche Miteinander, der Umgang von Kindern mit Kindern, Lehrer/innen mit Kindern, Lehrer/innen mit Lehrer/innen, Lehrer/innen mit Eltern wird beobachtet, schrift­lich festgehalten und mit den Kolleg/innen anschließend diskutiert. Ebenso wird der Umgang des Leiters mit Kindern, Lehrer/innen, Eltern mit einem kritischen Außenblick betrachtet. Weiters werden Veränderungen im Schulalltag, die sich von einem Besuch zum anderen ergeben haben, gemeinsam besprochen.

 

 

 

Im Laufe der Zeit wurden die Kontakte zwischen der Grundschule Harmonie und der Pä­da­gogischen Akademie des Bundes in Kärnten geknüpft und intensiviert. Hospitationen mit Stu­dierenden werden seit sieben Jahren durchgeführt, ebenso Hospitationen, die über den Verein „Kooperative Freinet“ zu dieser Schule angeboten wurden.

 

 

 

Im Jahr 1997 fand unser erster Hospitationsbesuch an der Gesamtgrundschule Harmonie statt. Dabei wurde damals folgendes dokumentiert: „… Jeden Montag werden Konferenzen abge­halten, und nachdem ich an diesem Montag in der Schule hospitiere, werde auch ich dazu ein­geladen. Von der vorher erwähnten Tafel [1] im Lehrerzimmer wird jeden Montag von einer Kollegin oder einem Kollegen ein Thema ausgewählt, in der Konferenz thematisiert und aus­diskutiert. So eine Konferenz miterleben zu können, war Novum. Die Gesprächsdisziplin, das Umgehen miteinander bei so unterschiedlichen Lehrerpersönlichkeiten, die Diskussionsbe­reitschaft … war beeindruckend. Jeder, der auch an dieser Schule so unterschiedlich arbeitet, kann, darf so sein, wie er ist. Auch über die „Schwächen“ darf öffentlich geredet und diskutiert werden. Kollegiales Miteinander, Akzeptanz, Respekt, Wertschätzung des Anderen wird auch unter Erwachsenen „gelebt“ … “ [2] Vor knapp zehn Jah­­ren spürte man bereits den „humanen“ Geist, die Atmosphäre der Offenheit, des Vertraut­werdens, des Vertrauenkönnens, der kindorientierten und wert­schät­zenden Einstellung. Dies ging einerseits vom Schulleiter aus, war andererseits zum Teil bei Kol­leg/innen vorhanden, sollte durch den kooperativen Umgang mit den im Schulbetrieb be­­teiligten Personen auf das gesamte Kollegium übergehen. Diese Prozesse sind kein Honig­lecken. Kindorientierte Ein­stellungen, ein gemeinsames Agieren, ein Öffnen der Klassen, ein Klima des Vertrauens uvm. geschieht nicht, indem jemand mit einer Schulleitung betraut wird. Das bedarf eines Fingerspitzengefühls, das bedarf konkreter Zielvorgaben, der Bereit­schaft des Zuhörens und einer Kultur der Kommunikation, des Beherrschens von Konfliktlö­sungsstrategien und des Konfliktmanagements, aber auch des Vertrauens der Kolleg/innen in die Leiterpersönlichkeit. Wer dies sehen will, sollte an die Gesamtgrundschule Harmonie gehen, und sich davon selbst überzeugen.

 

 

 

Die zuvor schon erwähnten Montagskonferenzen an der Gesamtgrundschule Harmonie wurden durch das Kollegium eingeführt. Das Resultat der jahrelangen, sicher nicht einfachen Dis­kussionen, sieht man heute: Die Grundschule Harmonie zeichnet sich durch ihre demokratischen Strukturen aus. Die Rechte der Kinder am schulischen Leben zu partizipieren, die Einbeziehung von Lehrer/inneninteressen stellen keine Schlagworte dar, sondern werden gelebt. Jeden Montag findet vor dem Unterricht die Schulversammlung mit allen Kindern der Schule in der Eingangshalle statt. Dabei wird den Geburtstagskindern der letzten Woche gratuliert, wichtige Ereignisse und Beschlüsse des Kinderparlaments werden besprochen, Themen, an denen die Kinder arbeiten, können präsentiert werden.  Die Kinder sollen und dürfen also bei wichtigen Entscheidungen mitbestimmen, Kritikpunkte anbringen und eigene Vorschläge einbringen. Die Kinder können mitbeschließen, sie sind sozusagen ein Organ der Schule. Sie fühlen sich von Anfang an ernst genommen und werden nicht bevormundet. Dieser Aspekt des Demokratielernens kommt an der Schule besonders gut zur Geltung.

 

 

 

Partizipation am Schulalltag ist auch ersichtlich durch die besonders gezielte Auseinan­dersetzung des Kollegiums mit Anliegen der Kinder, mit dem Verständnis von „Ler­nen“, von gemeinsam erstellten und gestalteten Lernzielkatalogen, Überforderungstests. Außerdem findet eine intensive Beschäftigung mit Kindern aus unterschiedlichen Kultur­kreisen, eine in­tensive Elternarbeit und Öffentlichkeitsarbeit statt. Die Lehrerinnen und Lehrer sehen sich nicht wie im traditionellen Unterricht als Vermittler/innen von Wissen, sondern als Hel­fer/innen, Begleiter/innen und als Vertrauenspersonen der Schülerinnen und Schüler. Sie schaf­­fen die idealen Voraussetzungen für das Lernen. Dem Kind wird kein Wissensstoff übergestülpt, sie sind verantwortlich für ihr eigenes Lernen. Kindern wird die Verantwortung über ihr eigenes Lernen gegeben. Dies sieht man in der gesamten Schule. So werden Kinder bereits in der Grundschule zum Lernenlernen, vor allem zum Reflektieren über die eigene Arbeitseinstellung, das eigene Arbeitsverhalten, die Arbeitsergebnisse angeleitet. Leistungsfeststellungen stehen nicht im Vordergrund, die Schülerinnen und Schüler werden über ein vielfältiges Angebot an Lernmaterialien motiviert zu arbeiten und können ihren eigene, Fragen, die sie haben, nachgehen. Es gibt an der Schule verschiedenste Verfahren, um sich über den Kenntnisstand der Kinder einen Überblick zu verschaffen. Aktuell passiert dies durch so genannte Überforderungstests, die eine entsprechende Rückmeldung über den Kenntnisstand der Schülerinnen und Schüler liefern.

 

 

 

Im Detail lässt sich das Schulleben an der Grundschule Harmonie wie folgt beschrei­ben. Die Gesamtgrundschule Harmonie zeigt uns, dass Schule und Schulleben ganz anders sein kann, als viele von uns kennen. Das Schulgebäude ist dafür sehr gut konzipiert. Jeder Klassenraum führt direkt in den Schulgarten, der sehr natürlich und phantasievoll gestaltet ist. Etliche Verstecke, Sümpfe, Labyrinthe, ein Fußballplatz, eine Goldwaschanlage, Schaukeln und ein Gemüsegarten – alles entstand im Laufe der Jahre – ermöglichen den Kindern einen abwechslungsreichen und erholsamen Aufenthalt. Die Schülerinnen und Schüler können auch während des Unterrichts nach Abmeldung bei der Lehrerin/beim Lehrer den Garten aufsu­chen. Viele treffen sich dort in Gruppen um zu arbeiten. Die Schülerinnen und Schüler sind seit dem letzten Schuljahr in altersheterogenen Lerngruppen zusammengefasst. Diese Organi­sation wird von den Kolleginnen und Kollegen an der Schule als organisatorische und päda­gogische Weiterentwicklung gesehen. Zu bemerken ist dabei, dass dieser Umorganisation an der Schule ein unheimlich intensiver Diskussionsprozess im Kollegium vorausgegangen ist.

 

 

 

Neben den vielen Möglichkeiten, die der Freiraum um die Schule bietet, ermöglichen einige archi­tektonische Merkmale der Schule eine intensive Gestaltung des Schullebens. Die Ein­gangshalle, der Treffpunkt für die wöchentliche Schulversammlung, bietet auch die Mög­lichkeit, Feiern und Aufführungen abzuhalten. Von dieser Eingangshalle führen zwei Gänge zu den Klassenzimmern, deren Türen stets offen sind, sodass die Kinder die Gelegenheit haben, auch andere Klassen aufzusuchen oder in den Gängen und anderen Räumlichkeiten zu arbeiten. Die Räume sind sehr individuell gestaltet, Arbeitsmaterialien verschiedenster Art und PCs sind vorhanden.

 

 

 

Die Grundschule Harmonie tritt für die Vermittlung von Kulturtechniken wie Demokratie, Eigenverantwortung, kritischem Denken, Toleranz und Gemeinschaft ein. Viele Si­tuationen, die wir beobachten konnten, beweisen uns, dass dies den Lehrerinnen und Leh­rern sehr gut gelingt. Es herrscht in der gesamten Schule, sowohl in den Klassen als auch im Lehrer/innenzimmer eine sehr familiäre, vertraute Atmosphäre. Wenn die Schülerinnen und Schüler in die Schule kommen, betreten sie zum Teil vom Schulgarten kommend, das Klas­senzimmer, richten sich ihre Arbeitsmaterialien her und fangen zu arbeiten an. Da gibt es kein lautes Wort, kein Herumtoben im Gebäude, selbstgesteuertes Lernen findet statt.

 

 

 

Die Lehrerinnen und Lehrer treffen einander jeden Morgen in der Frühkonferenz, die eine halbe Stunde vor Unterrichtsbeginn stattfindet. Dadurch lassen sich alle unmittelbar auftre­tenden Probleme an der Schule einer raschen Lösung zuführen und man muss nicht lange auf einen nächsten Konferenztermin warten. Konferenzen können dann auch wirklich dazu ge­nutzt werden, pädagogische Themen zu diskutieren. Das Bereden alltäglicher/“schul­alltäglicher“ Belang erfolgt in zwangloser, harmonisch erscheinender Atmosphäre, wobei divergierende Meinungen selbstverständlich vorkommen. Jedoch schon alleine das „aufeinan­der Zugehen“ in der Früh erscheint ehrlich, menschlich, freundschaftlich, freundlich. Diese Aspekte des Miteinanders übertragen sich auch auf die Kinder. Das Plakat „Sorgen-Sprech­stunden“ erweckt ebenso diesen Eindruck, denn Probleme mit sich und der Umwelt haben auch hier viele Kinder. Es werden Probleme, die Kinder haben, gemeinsam besprochen, an deren Lösungen wird gearbeitet, dann erst kann, wie Walter Hövel es in einem der Gespräche erzählte, inhaltlich, im kognitiven als auch im sozialen Bereich gearbeitet werden. Der Umgang mit „schwierigen Kindern“ wird im Kollegium beredet, die Kolleginnen und Kollegen bieten ihre Ratschläge, Hilfen, Unterstützung an, halten Verhaltens­ver­änderungen, Ver­änderungen im Leistungsstand usw. fest. Es wird offen über diese, in jeder Schule vorkommenden Probleme, diskutiert. Die Kinder haben Probleme, es wird an einer gemein­samen Lösung dieser Kinderprobleme gearbeitet und niemand im Kollegium hat das Gefühl, als Lehrerin oder als Lehrer schwach, schlecht, unfähig zu sein. Natürlich werden auch außer­schulische Institutionen zu Rate gezogen, ebenso Eltern in die Problemlösungs­vorschläge einbezogen. Für Lehrerinnen und Lehrer ist es oft ganz wichtig, wenn man auch die Meinung der Kolleginnen oder Kollegen anhören kann. Dadurch wird der Zusammenhalt unter den Lehrerinnen und Lehrern sehr gefördert. Der Leiter der Schule, Herr Hövel, versteht es aus­gezeichnet, ein ausgleichendes Klima unter den Kolleginnen und Kollegen herzustellen. Sein Einfühlungsvermögen und sein Einsatz für Kinder und Lehrer/innen schafft eine Atmosphäre, die man sich nur wünschen kann. Es besteht eine intensive Kommunikationsbasis, auf der Konkurrenzkämpfe und Mobbing keinen Platz finden. „Faszinierend ist es, wie die Fortführung des Klassenrates in der Schulversammlung, die alle 14 Tage abgehalten wird und von den Kindern selbst geleitet wird, praktiziert wird. Der Schulleiter Walter Hövel hat die Freinet-Pädagogik für seine Schule verbindlich gemacht, nicht für den Unterricht in den Klassen, sondern als Organisationsmodell für die Lehrer/innen selbst. Das Kollegium ist seine Freinet-Klasse. Im Zentrum steht die wöchentliche 2-stündige Konferenz wie der Klassenrat in der Klasse. Eine Wandzeitung bestimmt die Themen der Arbeit, ob „Fort“bildungsthema, Problem, Inhalt, Wunsch oder Angebot. Die Präsidentschaft wechselt wie das Protokoll jede Woche. Hier wird die Arbeit reflektiert, evaluiert, geplant, gestritten, geklärt, die Schule auch einmal politisch gesehen, gezeigt, gemacht, gearbeitet – kooperativ – und gelernt. Könnte diese gelebte Demokratie in der Schule nicht für alle ein Zukunftsmodell darstellen?“ [3] 

 

 

 

Seit Oktober 2004 arbeitet das gesamte Kollegium der Grundschule Harmonie im Comenius-Schulentwicklungsprojekt „In Europa Demokratie leben“ neben weiteren Schulen aus Estland, Litauen, Slowenien und Österreich mit. Im April 2005 fand das 2. Projekttreffen [4] an der Schule statt, wobei an zwei Tagen Hospitationen am Programm standen. Wie sahen kein Kind raufen. Das war, wie es sich heraus stellte, keine Einzelbeobachtung. Darüber wur­de mit den Projektteilnehmerinnen und Projektteilnehmern diskutiert und wir meinten, dass es ein Spiegelbild dessen ist, wie der Umgang mit den Kindern an dieser Schule gepflegt wird. Jede Lehrerin und jeder Lehrer fühlt sich für alle Kinder der Schule verantwortlich. Auf Fehlverhalten wird sofort reagiert, es wird mit dem Kind, wenn notwendig auch im Kreis mit vielen, besprochen. Das mindert nichts an Wertschätzung Kindern gegenüber. Kinder besitzen Freiräume, werden bei Übertretungen aber auch in die Schranken gewiesen. Das Ernstnehmen der Kinder findet dann schließlich bei der schon erwähnten Schulversammlung ihren Höhe­punkt. Hier erleben sich die Kinder als Teil der Schule, sie kennen – wie auch alle Lehrerin­nen und Lehrer der Schule – nicht nur die Namen ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler der eigenen Klasse, sondern auch die der Kinder aus den anderen Klassen. Kein Wunder, es wird ja auch über die Klassen hinweg gemeinsam gearbeitet.

 

 

 

Einbezogen in das Schulleben werden aber auch die Referendarinnen und Referendare, die an der Schule erleben, dass Individualisierung, Differenzierung keine Worthülsen darstellen,

 

 

 



[1] An der großen Tafel, die sich im Lehrer/innenzimmer befindet, wurden von den Lehrerinnen und Lehrern Themen aufgeschrieben, die sie im Rahmen einer Konferenz besprochen haben wollten. Dieses Einbeziehen von Lehrer/inneninteressen stellte bereits damals einen Schritt im Sinne von Demokratisierungsprozessen an der Schule statt. Die Lehrerinnen und Lehrer übernahmen damit auch die Leitung dieses für sie wichtigen Themas. So z. B. wurde „über Kinder, über die es etwas zu berichten gibt“ gesprochen. Die Wertschätzung Kindern gegenüber, die Verhaltensauffälligkeiten zeigten und zeigen wurde bzw. wird somit schon alleine durch Sprache ausgedrückt, ohne diese Kinder zu stigmatisieren. Parallel geführte Klassen konnten die Klassensituationen darstellen und in kooperativer Form wurde nach Lösungsvorschlägen gesucht. 

[2] Rabensteiner P.-M., Die Schule Harmonie. Eindrücke einer dreitägigen Hospitation. In: Freinet Kooperativ. Zeitschrift des Vereins „Kooperative Freinet“ 1/1998

[3] Rabensteiner P.-M., Schulpraktische Überlegungen zum Thema Klassenrat. In: Rabensteiner G., Rabensteiner P.-M., Kooperative Lehr- und Lernkultur. Ausgangspunkt für Veränderungen und neue Wege in der Lehrer/innenbildung. Hohengehren 2005, S. 58 f

[4] Der im Rahmen des Projekttreffens entstandene Film ist auf der Homepage der Pädagogischen Akademie des Bundes in Kärnten abrufbar: www.akademie.klu.at (Aktuell à Projekte)