Petra Mahmoudian

 

Besuch der Freinetschule von Walter Hövel in Köln

 

Blick über die Grenzen

 

 

Reformpädagogik wird momentan oft mit Montessoripädagogik gleichgesetzt. Häufig wird vergessen, dass es weitere reformpädagogische Strömungen gibt, die (noch) nicht so populär sind.

 

Neben dem Jenaplan, der von Peter Petersen entwickelt wurde und dem Daltonplan der in Amerika von der Lehrerin Helen Purkhurst gegründet wurde, findet man auch die Freinetpädagogik.

 

Celestin Freinet wurde 1896 in Frankreich geboren. Er wollte die mangelnde Lebensnähe des Frontalunterrichts seiner Zeit verändern.

 

Ausgehend von der Fragen und Bedürfnissen der Kinder ging er mit seinen SchülerInnen in die Natur hinaus (Spaziergangsklassen) und ließ sie an aktuellen, sie relevanten Fragen, handelndes Lernen erleben (Natürliche Methode).

 

Der kreative und freie Ausdruck waren ein ebenso wesentlicher Bestandteil seiner Pädagogik wie die Demokratieerziehung.Alle Lösungsmöglichkeiten und -wege sind wertfrei gestaltet. Toleranz und Spontanität sind sowohl bei LehrerInnen als auch SchülerInnen notwendig.

 

Im Rahmen einer freinetischen Fortbildungsreihe verschlug es Rita Wampera und mich in den (sehr viel längeren österreichischen) Sommerferien nach Köln, wo wir liebe Freunde, Walter Hövel und Uschi Resch, besuchten, die beide im Rahmen ihrer Möglichkeiten die Ideen Celestin Freinets zu leben versuchen.

 

Der Demokratiegedanke. Der in der Freinetpädagogik so dominant ist, verlebendigte sich in der sechsköpfigen Familie unserer Freunde durch Diskussionen und gegenseitigen Respekt.

 

Walters Schule, deren Leiter er auch ist, zeichnet sich durch die ebenerdige Bauweise inmitten eines üppigen und vielfältigen Gartens aus, so dass man von jeder Klasse ins Freie gehen kann.

 

Der Morgen beginnt mit dem langsamen Eintreffen der Kinder aus den unterschiedlichen Himmelsrichtungen, die durch das Grün des Gartens auf Schleichwegen zur Schule finden.

 

In der Besprechung im Kreis teilt jede/r mit, was sie/er sich für den heutigen Arbeitstag vornimmt. Einige SchülerInnen finden im Freien Spinnennetze, andere beobachten Heuschrecken und wieder andere arbeiten im Klassenraum oder der Schuldruckerei, die von Eltern betreut wird.

 

Nach einer Arbeitsphase von etwa 90 Minuten trifft man sich zum Gedankenaustausch und berichtet im Kreis. Mögliche Anregungen wie z.B. das genaue Abmalen der Spinnennetze werden aufgegriffen und besprochen.

 

Weiterführende Forschungsideen erschließen sich („Warum finden wir bei diesem Wetter kaum Heuschrecken?“) und werden von den Kindern geplant.

 

Eine halbstündige Pause, in der die Kinder in der Natur spielen und Erwachsene Zeit für Teamgespräche finden, lässt keine Hektik oder Aggression aufkommen.

 

Die Schule wird als angenehmer Ort empfunden, in der jede/r seinen Interessen nachkommen kann, für jede/n Platz ist und Gemeinschaft demokratisch gelebt wird.

 

Das merkt man auch bei den Schülertreffen, bei denen sich alle Klassen in der Aula begegnen und mit einander singen, Ideen besprechen und demokratische Beschlüsse treffen (Schulrat).

 

Sicher hängt diese Atmosphäre mit dem Bemühen aller am Schulleben Beteiligten zusammen, das Kind im Mittelpunkt der Arbeit zu sehen und zu achten. Ein hohes Maß an positiver Konfliktbewältigung und toleranter Gesprächsführung wird durch den demokratischen Umgang forciert und gelebt.