Walter Hövel

 

Fragen zur Grundschule Harmonie

 

 

 

Zu Frage 1:

 

Der erste Gedanke ist der der "Ecole Moderne".

 

 

 

Wir durchdenken immer, mit welchen politischen Absichten Forderungen, Erlasse, pädagogische Wissenschaft, Schreib- und Evaluationsaufträge, etc. auf (unsere) Schule zukommen.

 

 

 

Hier gibt es die europäische Dimension, z.B. die Strategie von Lissabon und ihre Nachfolgepapiere und -beschlüsse, die deutsche Dimension des Kaschierens der PISA-Ergebnisse, der Sparpolitik, des Aufrechterhaltens einer menschenrechtsfeindlichen Gliederung und Selektion durch Haupt- und Realschule und Gymnasium, die Ebene der Landespolitik. Diese hält sich im Groben immer an den beiden vorher genannten Vorgaben. Sie hat Wahlversprechensbesonderheiten, wie die Abschaffung von Schulbezirken, die Einführung von Kopfnoten oder die Installierung von "Billiglehrern" durch Programme wie FleMiVU (Flexible Mittel für den Vertretungsunterricht). Die Themen und ihre Bezeichnungen wechseln gerne mit den regierenden Parteien oder der Zeit.

 

 

 

Die unterste Ebene bildet die meist provinzielle Politik der Kommunen, die oft durch Unverständnis oder „Das machten wir schon immer so“ gekennzeichnet ist und auf einer oft noch vor-demokratischen Vorstellung von Schule basiert.

 

 

 

Dazu kommt die Meinungsbildung der Industrie, des Handwerks, der Medienverlage, der Medien (Hogwards ist zur Zeit die bekannteste Schule; Nanny die bekannteste Erzieherin), etc., etc.

 

 

 

Alle diese "Bewegungen" in der Pädagogik, Bildung, Erziehung und im Schulwesen sind immer widersprüchlich!!!

 

 

 

Hier europäische Interessen (Gesamtschule als Selbstverständlichkeit) gegen CDU-Biedermannangst, dass in der Gesamtschule das Unterschichtenkind mehr lernen könnte als das eigene.

 

 

 

Hier Einführung von Kopfnoten, da hin zu demokratischem Lernen im Sinne Deweys oder "Demokratie leben und lernen" als BLK-Programm.

 

 

 

Hier Überbetonung von Test und Kompensationsdiagnose, da Abschaffung der Paukschule zugunsten echter individueller Förderung.

 

 

 

Hier Spitzer und da Koch,

 

etc,etc.

 

 

 

Eine Ecole Moderne holt alles aus diesen Vorgaben, Programmen, aus diesem Zeitgeist, aus den "Angeboten" der herrschenden Politik heraus, alles was ihr dazu dient, etwas für Kinder, ihr Leben, ihre Rechte, für Entwicklung von Menschenrechten und Demokratie in der eigenen konkreten (Staats)Schule zu tun.

 

 

 

Hierzu muss man allerdings Selbstbewusstsein haben, wissen was man will und eben über Politik und Schule nachdenken, ohne in gewerkschaftlich-lehrerhaftes Jammern und Klagen zu verfallen!

 

Bei Freinets werden immer zwei Dinge gleichzeitig getan:

 

Das was hier und heute in Schule möglich ist, hier und heute tun!! Ohne zu fragen, ohne zu jammern!

 

 

 

Und - auf höchstem Niveau politisch klagen und jammern, aber über die richtigen Dinge, nicht über Abbau der standesrechtlichen Privilegien der Lehrerschaft, sondern über zu wenig Mittel, Leute und Unterstützung!

 

 

 

Vielleicht gäbe es noch mehr zu sagen, vielleicht wird nachgefragt...

 

 

 

Zu 2.: Rechte der Kinder, Recht auf zuverlässige Erwachsene(nwelt), Demokratie nicht nur als Form, sondern als Inhalt des Lernens.

 

 

 

Also an und über Demokratie lernen durch eine demokratische Art des Lernens: eigen verantwortliches lernen, Selbstorganisation, Selbstbestimmung der Lerninhalte und Formung der eigenen Lernerpersönlichkeit; Recht auf Bewegung in der ganzen Schule (inklusive Schulgelände).

 

Grundgedanken

 

Grundschule Harmonie

 

 

 

  • Die Kinder gestalten mit den Lehrerinnen ihr eigenes Leben, Arbeiten, Spielen und Lernen in der Schule in einer kooperativen menschlichen Atmosphäre.

 

 

 

  • Jedes Kind hat das Recht auf seine eigene Lern- und Lebenszeit.

 

 

 

  • Der Freie Text von Anfang an, ausgehend von „Lesen durch Schreiben“, ist wesentliches Element des Lernens, weit über den Sprachunterricht hinaus.

 

 

 

  • Das Berichten und Vorstellen von Gefundenem und Erfundenem, von Erlebtem und Gelebtem ist Alltag von Anfang an.

 

 

 

  • Das Finden eines eigenen mathematischen Weges hat immer Vorrang vor der Schuldidaktik. Jedes Kind kann seine Gleichgewichtung zwischen mathematischem Handeln, der Entwicklung von Rechenfähigkeiten und Erfindungen suchen.

 

 

 

  • Jede Form des Freien Ausdrucks, ob Tanz, Zeichnung, Musik, Text, Malen, Bewegung oder Theater als Mittel des selbst erfahrenden und selbst bildenden Lernens ist wichtig.

 

 

 

  • Regeln werden als die Formulierung des Umgangs mit sich selbst, den anderen, dem Lernen und Leben in der Schulgemeinde auf der Grundlage gemeinsam verständigter Werte verstanden. Die Einhaltung ist Angelegenheit aller.

 

 

 

  • Das Vorlesen, Erzählen oder Hören von Musik ist niemals ein Verlust an Lernzeit.

 

 

 

  • Für das Experimentieren, Erforschen und Entdecken muss genügend Zeit und Raum geschaffen werden.

 

 

 

  • Die Anwesenheit, Respektierung und Pflege verschiedener Sprachen prägt Toleranz und Verstehen.

 

 

 

  • Alle Inhalte und Formen, die es den Kindern ermöglichen ihre Welt zu konstruieren, zu verstehen und zu verändern müssen im täglichen Lernen präsent sein

 

 

 

  • In die Mitte der Schule gehört eine Bücherei, die jederzeit von allen zugänglich ist.

 

 

 

  • In jede Klasse ist ein Internetanschluss, der jederzeit genutzt wird.

 

 

 

  • Von den Kindern individuell oder in der Lerngruppe selbst bestimmte Themen haben zumindest die gleiche Gewichtung wie Themen der Lehrpläne und Lehrerinnen.

 

 

 

  • Einer natürlichen Methode des Lernens, bei dem Kinder ihre eigenen Lernwege gehen, ist immer der Vorrang zu geben.

 

 

 

  • Die Selbstbestimmung der Arbeitsvorhaben, Selbstorganisation der gemeinsamen Arbeit, wie die Regelung der hierbei auftretenden Konflikte ist Aufgabe aller und im Besonderen des regelmäßig stattfindenden Klassenrats.

 

 

 

  • Das Vorlesen und Veröffentlichen selbst geschriebener Texte in Dichterlesungen, im Kreis oder auf Schulversammlungen, in Klassenzeitungen und eigenen Bücher ist elementarer Bestandteil des Schulalltags.

 

 

 

  • Das Lernen findet im Klassenraum, in allen Räumen der Schule, auf dem Schulgelände und außerhalb der Schule in Gemeinde und Natur statt.

 

 

 

  • Jede Klasse, Kinder und Lehrerinnen gestalten ihre Klassenräume nach ihren Bedürfnissen.

 

 

 

  • Die Arbeit wird gemeinsam als Tages-, Projekt- oder Wochenplan abgesprochen und in Tages- oder Wochenabschlusskreisen ausgewertet.

 

 

 

  • Über die Wahrnehmung der religiösen Angebote, wie Gottesdienst oder Projekte entscheiden die Kinder selbst, über die Teilnahme am Religionsunterricht die Eltern. Über die Bearbeitung religiöser Themen in allen Phasen des Lernens alleine die Kinder.

 

 

 

  • Die Formulierung, Beantwortung und Bearbeitung der „Fragen zur Welt“ durch die Kinder ist ein „Hauptfach“.

 

 

 

  • Es gibt ein Kinderparlament, in dem jede Klasse durch je ein Mädchen und einen Jungen vertreten wird, dessen Beschlüsse den gleichen Rang haben wie die der LehrerInnenkonferenz oder die der Elternpflegschaft.

 

 

 

  • Das Schulgelände ist als Abenteuerlandschaft gestaltet, in dem gespielt und gearbeitet werden kann.

 

 

 

  • Alle Arbeiten können in der Schulversammlung, an allen Wänden, auf Stellwänden und in der Öffentlichkeit ausgestellt werden.

 

 

 

  • Die Schule kooperiert mit allen Institutionen oder Vereinen, die den Kindern als geladene Gäste oder Besuchspartner Begegnungen des Lernens organisieren, wie Umweltamt, Sportvereine, andere Schulen, Künstler, Altenheimen, Chören, Universitäten, Kirchen, Hegering, Golfclub, Theater, etc.

 

 

 

  • Kinder dürfen jederzeit essen und trinken, solange es sie selbst und andere nicht stört oder bei der Arbeit behindert.

 

 

 

  • Sie können jederzeit „ohne Erlaubnis“ zur Toilette und sich im Rahmen der gemeinsamen Regeln frei bewegen.

 

Der Vorteil ist, dass wir Lehrerinnen und Lehrer zwar erschöpft von der Arbeit sind, aber nicht frustriert und geoutburnt, dass die Kinder gerne lernen oder zumindest gerne hier sind, dass unsere Vergleichsarbeitsergebnisse weit über dem Landesdurchschnitt liegen, unsere Übergänge zu den weiterführenden Schulen erfolgreich ablaufen.

 

 

 

Probleme sind, dass es immer 1 - 5% Eltern gibt, denen wir es  (auch vergeblich) zum 5ten Mal erklären, dass es Mitbürger*innen und Politiker*innen (auch Herren aus der SPD) gibt, die uns bekämpfen. (Übrigens gibt es in der CDU einige, die uns mögen!!)

 

Ansonsten ist unsere Politik, dass wir unsere Pädagogik machen!!!

 

 

 

Wir berufen uns hierbei übrigens nicht auf Freinet, sondern auf die Lehrpläne und Richtlinien des Landes Nordrheinwestfalen und auf uns selbst!

 

 

 

Zu 3.:

 

Demokratie, Kooperation, Klassenrat, Methode Naturelle, Freier Ausdruck, Tasten und Versuchen, Freies Schreiben, Korrespondenz (immer digitaler), Zeitungen und Filme machen, Wandzeitungen, Präsentation, Schule öffnen, Spaziergangsklasse, Fragen zur Welt, Forschen, Ästhetik, "Lernerotik" (der Kölner würde sagen, dass man spürt, „dat et Spass macht“), Drucken

 

 

 

Zu4:

 

(Fast) alle Lehrerinnen und Lehrer, die in ihrem Beruf anfangen, haben ausgesprochen demokratische und Kinder-freundliche Auffassungen von dem, was sie beruflich da vor haben.

 

 

 

Sie werden dann aber schnell eingeholt von der anstaltsähnlichen Struktur von Schule, der bereits daran angepassten Kinder, Kolleg*innen und Eltern und vor allem durch die Lehr- und Lernmethoden, die herrschen.

 

 

 

Diese Freinet-Techniken/Methoden/Werkzeuge ermöglichen es, den herrschenden Methoden funktionierende lebendige Strukturen und Beweglichkeiten entgegenzusetzen.

 

 

 

Die Freinet-Methoden sind in sich selbst demokratisch. Einen freien Text kann ich nur schreiben, wenn ich ihn frei-willig schreibe, mit dem Ziel und Willen gleichzeitig - mich selbst frei auszudrücken. Mit den anderen Methoden ist dies ähnlich.

 

 

 

Zu 5.

 

Ich glaube wir sind so ziemlich die letzte Schule in der noch gedruckt wird.

 

Wir haben eine täglich geöffnete Druckwerkstat, die von Müttern geführt und angeboten wird. Sie wird ständig benutzt. Hier setzen Kinder ihre eigenen freien Texte als "Variante" der ästhetischen Gestaltung. Drucken ist so etwas wie Schattenspiel, Powerpoint oder Tanzen, eine Technik des freien Ausdrucks. Wir sehen das Drucken sehr entspannt.

 

 

 

Die Druckerei von heute ist in der Tat das Netz, das Chatten, e-mailen, das schnelle whats-appen, der Powerpoint-Vortrag oder der eigne Ordner im Computer.

 

 

 

Historisch - pädagogisch war sie ein wichtiger Faktor in der Entwicklung der Ecole Moderne.

 

 

 

Aber "Freinet" geht und ging(!) auch immer ohne Druckerei, Korrespondenz, Wandzeitung, Dienste, Büchermachen oder Morgenkreis. Andere Dinge, die die Selbstorganisation und Eigenverantwortlichkeit lenken, sind unverzichtbar.

 

 

 

Freinet ist nicht wegen des Druckens immer noch der Zeit voraus, sondern wegen ihrer Grundhaltung zum Kind, zum Erwachsenen, zur Welt und zur Demokratie.

 

 

 

Ich hoffe, Sie können etwas mit meinen Antworten anfangen!