Schulbesuch
um 1969, 1970

 

 

 

Eines jener öffentlicher Gebäude.

 

Angenehm geheizt, wenn man aus der zu frühem Kälte einer dieser späten Herbstage kommt.

 

Eine unscheinbare Holztüre, die einen erlaubt einzuschlüpfen in die Vorhalle, mit Treppen, die Anfängen von Gängen, mit Anschlagflächen und einem Colaautomaten.

 

Eine lieblos in den Raum gestellte Vitrine, in der Mineralien, Muscheln und Seeesterne ausgestellt sind, mit vergilbten Prospekten von Teneriffa und dem Harz. Irgendwann sicherlich der Stolz einer Schulklasse, jetzt übriggebliebenen, verwahrlost.

 

An der Anschlagfläche strotzt ein Plakat mit schwarz-rot-goldenen Farben „Deutschland nach 1949 ...“. daneben Brandschutzvorschriften, ein getippter Tagesordnungsvorschlag einer Versammlung der Schülermitverwaltung, mit Zusätzen von typischen Schriftzügen von Schülern, irgendwo schön, ungelenk – verschnörkelt.

 

Einen dieser Schülernamen kenne ich bereits. Ein ausländisch-klingender, auf „i“ endender. Auf der Mauer des Schulhofes stand einer dieser Schülersprüche, für die Erwachsenen unangenehmen Kindersprüche „Taggoni treibt's mit Blondi“.

 

Weißgekälkte, hohe, triste Wände, wie die gesamte Athmosphäre.

 

Ein freundlicher, hilfsbereiter Hausmeister: „Da müssen Se noch 10 Minuten warten … Dat Lehrerzimmer? … vorne gleisch reschts, dä erste Raum ...“

 

Ein Blick in die Gänge.

 

Lang, weißgekälkt, rechts Türen, links, teiweise behängte Kleiderhaken.

 

Ab und Zu, in der langgezogenen Stille der langen Gänge, Kinderstimmen, aggressive, verängstigte, nie einzeln, immer mehrere gleichzeitig, wie abgesprochen.

 

Dann aber, einzelne Stimmen: „Ruhe, sonst passiert was … Ich mache das nicht länger mit!!! ...“

 

Frauenstimmen, Zweifelsohne Lehrer.

 

Sie verfehlen nicht ihre Wirkung auf mich. Ich erschrecke. Diese Stimmen sind direkt vor mir, trotz der Wände zwischen uns.

 

In dieser weißgekälkten Umgebung rechnet man schon mit irgendwas, das übersteigt jede Erwartung.

 

Ein Gedanke: „Ob meine Stimme hier draußen auch so klänge, wenn ich hier vor der Klasse stehe? … Verdammt! Du hast schon öfter vor Klassen gestanden … Um Gottes Willen … Nein“

 

Es sind Stimmen wie von Verzweifelten, rauh, hysterisch, unkontrolliert.

 

„Es ist die Wirkung der weißgekälkten Wände. … Du bist nur – in Gedanken – von der Wirkung der Akustik überrascht worden. ...“

 

Doch da wieder die gleiche Stimme. Aus einem anderen Raum. Es sind Schreie.

 

Gefährliche, mechanische, drohende, weißgetünchte Schreie.

 

Da stehe ich hilflos, entsetzt, zwischen diesen Mauern. Hinter den Mauern, Menschen, Kinder in den Räumen, zur Erziehung freigegeben.

 

Dann ein Geräusch, das ich eigentlich mit Entsetzen erwartet hätte, das schrille Läuten der Schulglocke. Doch es ist kurz, fast erlösend.

 

Pause, große Pause. Die Gänge gerade noch leer, füllen sich mit Menschen. Kinder strömen aus der angenehmen Wärme in die Kälte des Schulhofes. Einzelne sondern sich ab aus dem Strom, Erwachsene, Lehrer, hin zu ihrem Raum, dem Lehrerzimmer.

 

Aber ich kann sie nicht wiedererkennen, nichts von der Bosheit ihrer Schreie in den Gesichtern, im Gegenteil, sie sind freundlich, menschlich.

 

Ich werde angesprochen „Sie sind sicherlich Herr …, kommen Sie doch rein.“