Walter Hövel                                                                                                                                            Englisch in der Grundschule Harmonie 2006                                                                                                                                                                                                          


 

Learning  by Doing 

                         Self Determinated Language Learning

                                    

                                                                         

Gegen alle Missverständnisse: Ich finde es gut, wenn alle Menschen eine gemeinsame Sprache können und die englische Sprache hat mich schon immer fasziniert.

Dass die herrschende Sprache die Sprache der Herrschenden ist, lässt sich in Europa leben. Ob sich das Englische denn durchsetzen lässt, bleibt der Zukunft überlassen. In den USA sprechen bald mehr Menschen Spanisch als Englisch, bis jetzt spricht jeder sechste Mensch auf der Welt Mandarin Chinesisch.

Die Europäische Union als unsere „oberste wirtschaftliche, politische und kulturelle Instanz“ hat ein ökonomisch-bildungspolitisches Konzept, die „Strategie von Lissabon“ beschlossen“. Diese sieht für die nächsten Jahre vor, die digitale Kultur zur vierten Kulturtechnik in allen europäischen Schulen zu etablieren und gleichzeitig die nicht nur digitale, sondern auch globalste Sprache, das Englische, von allen Europäern lernen zu lassen. Ziel ist Europa zur führenden Wirtschaftsmacht zu machen. Darum geht es nicht nur um die Verständigung in dieser Sprache im Urlaub, beim Bier, Flirten oder Lesen, sondern darum, dass bald alle Europäer in Englisch zusammen arbeiten, kaufen, verkaufen, forschen und lernen können.

 

Freies Lernen

Somit ist das erste Problem nun an unserer Schule, dass das Erlernen der englischen Sprache Pflicht ist. So wie beim Lesen, Schreiben und Rechnen fragt auch beim Englischlernen niemand, ob dies jemand in der Schule, im Unterricht lernen will. Daher ist Englisch wohl auch konsequent als ein „Hauptfach“ mit schriftlicher Überprüfung eingeführt geworden.

An unserer Grundschule Harmonie ist es so, dass die Botschaft der Union naturgemäß noch nicht bei allen Kindern angekommen ist: Die Einsicht in eine Notwendigkeit des systematischen Erlernens dieser Sprache existiert in ihrem Alltag nicht. Hier geschieht es eher „zufällig“. Andere Kinder haben vor allem bei einer entwickelten beidseitigen oder gar dreiseitigen Halbsprachigkeit Probleme genug mit der deutschen und der eigenen Sprache. Das Englische muss zunächst als weitere Belastung empfunden werden. Wir stehen also vor dem Dilemma, dass, nachdem unsere Schüler eigene freiwillige Zugänge zu Sprache, Schrift und Lesen, zur Mathematik, Kunst, Musik und zum Sport, also zu einem freien Lernen gefunden haben, nun etwas tun müssen, was manche noch gar nicht tun wollen. Dass sie es eigentlich noch früher lernen können, wissen wir, seitdem es bilinguale Kinder gibt, ob in wohlbehüteten Familien oder in den Straßen Los Angelos oder Hongkongs.

 

Offenes Lernen

Unser zweites Problem ist die Offenheit, die Selbstorganisation und die Selbstbestimmung des Lernens und Erarbeitens der englischen Sprache. Die Kinder unserer Schule haben keine Probleme die englische Sprache in ihrer Welt und bei sich selbst zu entdecken. Sie haben keine Probleme mit den Arbeitsmitteln, ob Bücher, Netsites, Hörbücher, Kassetten, Spiele, Filme, Lieder oder was uns sonst in Unmengen an englischsprachiger Welt umgibt. Sie übertragen sehr schnell ihre produktiven Kompetenzen. Sie produzieren englische Texte, Lyrik, Theaterstücke, Dialoge, Bücher, eigene Wörterbücher, Plakate, Sketche, Songtexte, etc, etc. Sie ke(ö)nnen die englische Sprache schon. Sie ist in ihren Köpfen. Sie müssen dieses bereits eigene Wissen und Können nur bewusst erfahren.

Der Kern des Problems ist der Kern des Englischlernens, das Sprechen, das Handeln, Spielen und Erproben, das Sich-Ausdrücken mit einer guten Aussprache. Es fehlt an der lebendigen Begegnung mit handelnden und verstehenden Partnern. Es wird noch etwas dauern bis wir unsere Direktübertragungen in Ton und Bild via Computer mit englischen Partnerklassen stehen haben und bis Grundschüler in England ihre Besuche und Praktika machen können. Wir sind hier mehr als in allen anderen Bereichen durch unsere sprachliche Kompetenz in einer eher klassischen LehrerInnenrolle. Sprache lernen bedarf der Beziehung. Wir müssen sie herstellen, ohne sie zu einer leider oft üblichen Lehrer-Schüler-Beziehung mit verteilten Machtrollen werden zu lassen.

 

Demokratisches Lernen

Und damit wären wir beim Problem der  Struktur von Lernen und Schule. Da gehen unsere Ministerien hin und führen Englisch nicht als Lerngegenstand einer pädagogischen Grundschule, sondern als ein gymnasiales Fach ein: Zwei Stundenplanstunden a 45 Minuten, FachlehrerInnen, die nur noch mit ReligionslehrerInnen vergleichbar, einen speziellen „Didaktiknachweis“ vorzeigen müssen, Klassenarbeiten, Zensuren, Schulbücher ausgehend von der Tabula-rasa-Theorie mit Wissenseintrichterung in für alle gleichschrittigen Lektionen, immerhin ein bisschen Reimen und Bewegen, abgelernt von der englischen Primaryschool und, wie eh eingeteilt in unsere guten alten Jahrgänge, die einmal zur leichteren Einberufung der Abschlussklassen zum Militär erfunden wurden, und dann auch noch der Ausschluss der Klassen 1 und 2.

Und da gehen die Macher  wieder einmal davon aus, dass die Kinder noch nichts können, dann nichts falsch, also unkontrolliert lernen dürfen, um im Test für eine Note ihr Wissen auf dem gleichen Stand abzuliefern. Für den Spaß wird schon die Motivationskunst der begnadeten Lehrerinnen oder der kindgemäß lustigen Lehrer sorgen. Oder: Auch der mieseste Englischunterricht kann bei der täglichen Begegnung mit der Sprache nicht verhindern, dass immer mehr Leute Englisch einfach lernen, oft auch in der Schule trotz Schule.

Wenn man bedenkt, dass es z.B. in NRW einen klugen und zeitgemäßen „Begegnungssprachenerlass“ gab, dass es eindeutige Erfahrungen des individuell-kooperativen und offenen Lernens gibt, dass es eine entwickelte erfolgreiche Didaktik der Grundschule gibt, die in jedem internationalem Vergleich den gegliederten weiterführenden Schulen überlegen ist, so konnte man und frau dieser „Einführung“ nur kopfschüttelnd, ruhig und staunend zuschauen.

 

Erste Konsequenzen

Wir haben das Englischlernen gerne bei uns eingeführt. Wir taten es nämlich schon vor neun Jahren , in den ersten bis zu den vierten Klassen. Die Eltern zahlten einen Euro pro Kind pro Stunde für eine eigene Lehrerin, die bevorzugt eine Native-Speakerin war.

Wir führten vor zwei Jahren „auftragsgemäß“ (bei paralleler Bildung Alters gemischter Klassen von der 1. bis zur 4. Klasse) den „Englischunterricht“ für die Klassen 3 und 4 ein. Die Jüngeren gingen weiter zur selbst bezahlten Englisch-lehrerin, die Älteren, zufällig genau hundert Dritt- und Viertklässler aus acht Klassen, zunehmend dann auch Kinder der 2. Schuljahre, treffen sich jeden Mittwoch um 10 Uhr im Forum der Schule. Hinzu kommen zwei „ordentlich“ studierte Englischlehrer, eine Kollegin, die nicht nur Englisch, sondern auch Französisch, Russisch und Türkisch kann, und eine „Englischdidaktik lernende“ Lehramtsanwärterin.

In der Regel singen wir zunächst bekannte und neue englische Lieder. Oft gibt es eine Präsentation aus allen  oder einzelnen Ober- oder Untergruppen. In regelmäßigen Abständen von ein bis zwei Monaten wird die Gesamtarbeit der gesamten Gruppe geplant und/oder die vergangene Arbeit besprochen und oft evaluiert. Ansonsten gehen wir nach dem Singen in die Ober- oder Untergruppen zur Weiterarbeit.

 

Arbeitsformen

Wir entschlossen uns zu einem Weg, der etwas anders aussieht als unsere sonst sehr eigen bestimmte Arbeitsweise der Kinder aus dem Kreis der Klasse heraus. Der Schwerpunkt in der Arbeit mit der Englischgruppe betont mehr die Planungs-, Team- und Evaluationsarbeit aus der Großgruppe heraus. Man könnte die Arbeit mit dem vergleichen wie LehrerInnenkollegien arbeiten sollten.

Wir Lehrerinnen und Lehrer bieten häufiger an, sind in einem Teil der Arbeitsphasen als Animateure und Vermittler präsenter, in anderen betonen wir mehr die kreative und expressive Selbstständigkeit der Kinder in ihrer experimentellen Produktion von Sprache.

 

Projektarbeit

In der ersten Arbeitsphase dieses Schuljahres boten wir etwa 12 verschiedene Projekte an, wovon vier, jedes in Begleitung von LehrerInnen, ausgesucht wurden.

Die ersten Gruppen erkundete und dokumentierte die englische Sprache ihrer Umgebung, in den Medien, mit dem Computer, in Schaufenstern, auf Litfasssäulen, auf und in der Wäsche, in Zeitungen, Songs und Büchern, auf Verpackungen, in der Werbung, im eigenen Sprechen oder wo sonst auch immer.

Die zweite Gruppe bereitete einen englischsprachigen Kinobesuch (in der Schule per Beamer auf großer Leinwand) vor. Eintrittskarten, Getränke, Popcorn und ein bisschen Smalltalk wurden für die Aufführung von „Iceage“ vorbereitet.

Die restlichen gut 50 Kinder hatten alle das gleiche Thema gewählt. Es hieß „A virtual village“. Hier sollte das Forum der Schule mit Hilfe von Tischen, Stühlen, ein paar Plakaten mit etwas Farbe und Stiften in ein englisches Dorf verwandelt werden. Da die Gruppe zu groß war entschieden wir uns ohne viel Diskussion für ein Girls’ Village und ein Boys’ Village. Die Kinder benannten in ihren Gruppen über 100 Möglichkeiten, was in einem Ort zu finden sein könnte, von der Policestation über den Footballground, das Postoffice, das Internetcafe, den Ice-Cream-Parlour bis zur Bank. Wir einigten uns darauf, dass an jedem der von ihnen ausgesuchten virtuellen Orte von den Kindern ein Dialog vorbereitet werden sollte: „Who is playing today?“, „Oh, Manchester United versus Bayern Munic“, „Cool! How much is a ticket?”, “Five pounds!”, “Okay, here you are!”, “Thank you, and have a nice evening.”, “Thank you!” Die Kinder schreiben solche Dialoge selbst, wir korrigieren sie ohne viel Aufheben in möglichst korrektes Englisch. Beim Aufführungstag konnten alle durch ein dann wieder gemeinsames Dorf gehen und sich die Dialoge anhören. Wer wollte konnte mit Hilfe vorbereiteter Karten selbst an einem Gespräch teilnehmen. Übrigens, die Jungs hatten viele Stationen mit kurzen, manchmal lustigen Dialogen, die Mädchen weniger, dafür aber längere und sie boten viele zusätzliche Aktivitäten an.

 

Kinder gesteuerte Arbeit

In der nächsten Phase der gemeinsamen Arbeit sammelten wir mit der Großgruppe an einer Tafel alle Möglichkeiten selbstständig, ohne Lehrer, mit oder an Englisch zu arbeiten. Es entstanden 41 Gruppen mit einem bis zu drei Kindern. Der „Renner“ war unsere Experimentekartei aus der englischen Grundschule. Auf Englisch erklärte und in Zeichnungen dargestellte Experimente wurden von acht Kinderteams vorbereitet, durchgeführt und auf Englisch bei der Präsentation erklärt. Fünf Gruppen dachten sich kleine Theaterszenen aus, weitere fünf beschäftigen sich mit „Animals“, erstellten Bücher oder Plakate, andere hatten als Themen „Colours“, „Dragon Names“, „Dictionary“, „Animals around the School“, „Words around the School“, „Motorbikes“, „Practising to Talk“, „Words in the Classroom“, „I-Spy-Books“, „Talking with the Queen“, “Plants“, „Song Texts“ oder „Cookbooks“. Die Ergebnisse waren sehr verschieden in der Qualität und im Anspruch. Bei der abschließenden Präsentation gab es Highlights mit Experimenten, Theaterstücken und den Dragon Names, aber auch sehr schlichte Teile.

 

Themen differenzierte didaktisierte Arbeit

Für die folgende Phase der Arbeit beschrieben wir vier Vorgehensweisen. Eine erste Gruppe sollte kreativ arbeiten und Bilderbücher malen und in Englisch schreiben Die zweite sollte das Schwergewicht auf den Holiday-Szenen-Dialoge legen und. Die dritte überließ die Arbeit der Planung des Kreises und die vierte Gruppe sollte eigene freie und lyrische Texte produzieren und diese sprechen lernen. Auch hier bildeten sich in etwa gleich große Gruppen, die sehr konzentriert arbeiteten.

 

Evaluation

Wir, die Lehrerinnen und Lehrer waren mit der Phase der Kind gesteuerten Arbeit etwas unzufrieden, mutmaßten zu wenig Qualität, zu wenig Lernfortschritt, zu viel verplemperte Zeit und eh zu wenig gut gesprochenes Englisch. Die nachfolgende Evaluation mit der Gesamtgruppe aller unserer Englischschüler versöhnte uns in Teilen. Die Kinder waren mit der Phase zufriedener, schilderten ihre Lernerfolge und –erfahrungen, fanden aber die vorherige Projektphase besser. Bei der dritten Phase beschrieben sie das eigenständige, kreative und selbst verantwortete Umsetzen nach dem Animieren durch Satzstrukturmuster, Textformen, Wörterbucharbeit, etc. als sehr positive Erfahrung. Wichtig war ihnen immer eine(n) LehrerIn als Helfer in der Nähe zu wissen. Wir wiederum konnten sie davon überzeugen, dass sie mehr Englisch sprechen könnten. So wurde die nächste Phase geplant.

 

Den eigenen Lehrer aussuchen

Jedes Kind suchte sich eine oder einen der vier Lehrerinnen und Lehrer aus. Die Gruppengröße verteilte sich ziemlich gleich, hier und da mussten wir auf einen Zweitwunsch zurückgreifen. In den „Klassen“ werden nun Inhalt und Form in „klassischer“ Kreisform unter einander „ausgehandelt“. Der „mündliche Sprachgebrauch“ hat jetzt Vorrang bei der Arbeit. In meiner Gruppe werden oft Texte produziert, die dann gesprochen oder angewandt werden: Die Kinder können ohne viel Mühe gemeinsam über hundert Tiere und über fünfzig Verben auf Englisch benennen. Sie kennen schon den Satzaufbau mit SPO und bilden in kürzester Zeit ca. 30 Sätze, wie „The tiger lives in the jungle.“, „Butterflies dance in the air.“, „The shark likes the deep blue sea.“ oder „The birds fly in the sky.“ So bildet sich Sprache, Selbstbewusstsein in der Sprache und ein Selbstwertgefühl beim Gebrauch der Sprache. Ich als Lehrer konzentriere mich auf das Mutmachen, Zeigen des eigenen Könnens und die richtige Aussprache.

 

„Englische“ Klassenfahrt

Der Zufall wollte es, dass eine englische Trainee (Lehramtsanwärterin) genau zur Zeit der Klassenfahrt ihren Ausbildungsmonat an unserer Schule begann. So gab es das Vorlesen englischer Kinderbücher, Rugbyspiele und ein Abendessen komplett in englischer Sprache. Am nächsten Morgen sprachen viele Kinder beim Frühstück weiter auf Englisch. Es folgten eine Schulführung auf Englisch, ein „richtiges“ englisches Frühstück und wir erprobten mehr denn je die englische Sprache. Im nächsten Jahr erklärte der nächste Trainee das Cricketspielen.

 

Planung

Nach den Osterferien steht die nächste Evaluation in der Großgruppe an. Wir werden vorschlagen zunächst eine Woche lang täglich in den Englischgruppen zu arbeiten. Unser Kollegium diskutiert zurzeit eine ganze englische Epoche unter Beteiligung aller Kinder und LehrerInnen zu realisieren.

Im November werden wir unsere englische Partnerschule kennen lernen. Wir werden mit Mikro, Lautsprecher und  Webcam  die Computer-Skype-Verbindungen zwischen unseren Klassen herstellen. Ein Grundschüleraustausch ist für die Initiatoren „europäischer Begegnungsprogramme“ auch in kürzerer Zeit vorstellbar. We are prepared.

 

 

 

 

W. Hövel, Freie Arbeit im Eng-lischunterricht, zur Entwicklung reformpädagogischer Ansätze, In: Neusprachliche Mitteilungen aus Wissenschaft und Praxis, Heft 2 /1989, u. Jahresheft 1990, u. Fragen und Versuche, März 88

 

I. Dietrich, W. Hövel, Freinet-pädagogik und Fremdsprachen-unterricht, In: I. Dietrich (Hrsg.), Handbuch Freinetpädagogik, Weinheim und Basel 1995

 

U. Geuß, W. Hövel, Schreibland-schaften, Mindscapes for every-day poets, Bremen 1996

 

W. Hövel, Englischlernen mit Freinetmethoden, In: M. Riemer (Hrsg.), Praxishilfen Freinetpäda-gogik, Bad Heilbrunn/OBB 2005