Für Linus

 

„… Dreaming Your Life Away …“

 

„All you have to do is dream“,  Song von 1958

 

 

 

Walter Hövel
Realitäten

 

Manche Kinder und Jugendliche leben in anderen Realitäten als viele Erwachsene. Sie können etwas, was viele Eltern, Lehrer*innen oder sonstige Erwachsene nicht können oder nachvollziehen können oder wollen.

 

Als Kleinkind kannte ich einen Traum vor dem Einschlafen. Ich lag abends in meinem Bett und ging in eine mir vollkommen unbekannte Welt. Alles wurde immer dunkler und unsichtbarer. Alles wurde kleiner und verlor die Form. Ich entfernte mich von dieser Welt und verlor mich immer mehr in die Tiefen eines Weltalls, ohne Gestirne oder eine mir bekannte Welt. Ich drang immer tiefer ein in diese vollkommen abstrakte gegenstandslose Welt. Es war eine nicht enden wollende Bewegung in vollkommener Lähmung. Sie sog mich auf wie ein schwarzes Loch. Die Lautlosigkeit, die gleichzeitig ein immer stärker werdendes Dröhnen war, machte mir Angst. Es gelang mir nicht, mich aus dieser Welt zu befreien. Ich hatte die existierende Welt verlassen und war gefangen in einem raum- und zeitlosen Zustand.

 

Es dauerte lange bis mich dieser Zustand wieder losließ und ich in das Alleinesein meiner Bettsituation zurückkehren konnte. Als ich älter wurde verließen mich diese „Wachträume“. Als Erwachsener kehrten sie nur ein einziges Mal zurück. Ich erkannte die Situation und den Unort sofort wieder, ohne dass die kindliche Angst zurückkehrte.

 

Als Kind konnte ich im Traum fliegen. Entweder hob ich mich über das Land schwebend einige Zentimeter bis zu Metern von der Erdoberfläche ab oder ich flog hoch oben über die Welt hinweg. Die erstere Form ließ mich im Laufe des Traums allmählich wieder Richtung Boden zurückkehren, bis ich wieder den Boden berührte. Die Hochflüge ließen mich Träume in schwarz-weiß oder in bunt erleben. Erst mit zunehmenden Alter kehrten diese Träume zu mir zurück. Ich war überglücklich wieder fliegen zu können.

 

Ich lernte als Kind, dass es verschiedene Realitäten gibt. Ich musste verstehen, dass der Tod und Hunger in der Tagesschau zwar gefilmt, aber echt, also real waren. Die Ereignisse in einem Film aber waren gespielt, als ob sie wirklich geschehen wären. Ich musste mich in einer Welt der Erwachsenen zurechtfinden und „Fiction“ von „Wirklichkeit“ unterscheiden lernen.

 

Dabei kannte ich als Kind sehr wohl meine „Traumzeiten“ im Schlaf, vor und nach dem Schlafen, im Spielen des Alltags der eben in meinem „Kopfkino“. Aber diese „Zustände“ waren in der Welt der Erwachsenen scheinbar nicht gefragt.

 

Ich musste aber erleben wie die Erwachsenenrealität sich erweiterte. Es war die Entwicklung vom Radio, über den Fernseher hin zu einer virtuellen elektronischen Welt der Computer, Playstations, Tablets oder mobilen Phones. Plötzlich trafen sich Kinder zu LANs, um ihre Computerspiele zu vernetzen. In rasender Geschwindigkeit“ entzogen sich dann Kinder, Jugendliche und größer und älter werdende Nerds dem Zugriff der „realen Welt“. Sie „verloren sich“ in die Tiefen der neu entstandenen elektronischen Realitäten.

 

„Eine Erziehung durch Entzug wird für Erwachsene in der Erreichbarkeit der eigenen Kinder immer schwieriger. Übrigens geht es Kindern und Jugendlichen auch so in der Erreichbarkeit der „eigenen“ Erwachsenen. Die sich verlängernde und menschenrechtlicher werdende Kindheit und Jugend wird sichtbarer für Erwachsene, aber der Abstand zwischen ihrem Verstehen auch.“

 

Doch schauen wir uns, um mehr zu verstehen,  die Entwicklung der Menschen genauer an.

 

Es gab wohl schon immer verschiedene Realitäten und Zeiten der Überschneidung. Menschen erfinden die „Lebenszeit“. Nichthungern und Freiheit werden in ein Leben nach dem Tode oder ein weiteres Leben geträumt. Es entstehen Vorstellungen von „Götterwelten“ und „Paradiesen“, von Erzählungen, Sagen und Moritaten. Meist war ein Jenseits oder eine Anderswelt der unerreichbare Ort der menschlichen Phantasien. Andere  erfanden die „Metaphysik“ um das Denken zu können, was gedacht werden konnte.

 

Es entstand die Alchemie als Versuch etwas gegen die Gesetzte von Realität und Technik zu verwandeln. Immer schon wurden im Schein des Feuers, in der Dunkelheit der Nacht den staunenden Menschen Geschichten erzählt. Funktionäre einer „Arbeiterklasse“ träumten von kommunistischen Gesellschaften einer neuen Zukunft. Ein Albert Einstein erklärte eine zunächst unsichtbare, unerreichbare Welt anderer Gesetze von Raum, Zeit und Materie.

 

Es wird bekannt, dass Geschichten und Geschichte immer von Siegern und Vulkanen geschrieben werden. Die Traumwelt der australischen Aborigines rückt in das Bewusstsein westlicher Esoteriker. Menschen werden sich in der eigenen Entwicklung bewusst, dass sie immer in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, in Himmel und Hölle, Unterwelten und Höhlen lebten. Es gab schon lange die Fantasiewelten der Rittersagen, Märchen, die Weltentstehungsmythen und „Gute-Nacht-Geschichten“.  

 

Über Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende leben Menschen in selbstgemachten oder bis zur Machtübernahme und Manipulation aus dem Alltag der Not wegführenden Traumgebilden. Sie sollen „ablenken“, wegführen von der fast immer tötenden Realität der menschlichen Armut, Dummheit und Selbstverknechtung.

 

Immer gab es die getanzten, Theater gespielten, gemalten und komponierten „Ausflüge“, oft genug in die Welten der Fantasie. Realität wurde verständlicher durch die Mittel des Transfers in „unbekannte“ Welten.

 

Dann kam die Form der geschriebenen Literatur in Gedichten, Romanen, Aufsätzen bis tief hinein in die Wissenschaften. Es gab Comics, Zeitungen, Illustrierte und Fotographien…. Dann entstand die Reklame , erst gemalt, vertont und fotografiert bis zum Film, der in nie dagewesene neue  Welten führt, um zu verkaufen und zu verdienen. Aus dem Träumen des Menschen wurden Geld und Macht, aber auch Zufriedenheit und Glück gemacht.

 

„Nach dem Kauf eines Smart-TV geht für Hersteller das Geldverdienen erst los, dank Überwachung und personalisierter Werbung. Auch der Staat macht mit - er zockt mit der Zukunft seiner Bürger.“ Adrian Lobe, Süddeutsche Zeitung, 08.02.2019,
https://www.sueddeutsche.de/digital/ueberwachungskapitalismus-nsa-smart-tv-1.4314299

 

Wir leben mehr und mehr in einer Realität der vielen Realitäten. Du kannst sie kaum mehr auseinanderhalten. Kinder und Jugendliche benutzen sie um aus den Fängen von Macht und Eltern zu fliehen. Immer mehr leben in virtuellen, angebotenen Welten, in denen Trott, Alltagsleben, Tod, Armut, schreiender Reichtum, Zufriedenheiten, Langeweile, oder Krankheit keine Rolle spielen.

 

Eine andere Matrix entsteht, die selbst Leben und Tod überwindet, den Einzelnen überleben lässt.

 

Natürlich kann ein Jugendlicher, weit über die Vorstellungen der „eigenen“ Erwachsenen, heute sich vorstellen in einer virtuellen Welt zu leben. Er oder sie tut es!

 

„Die Geschichte der virtuellen Realität ist älter als viele denken. Die philosophischen Wurzeln reichen bis in die Antike, die Technik nahm aber erst im 20. Jahrhundert Fahrt auf“  (Benoit Pepicq, 2017)
https://www.androidpit.de/geschichte-der-virtuellen-realitaet

 

Gab es solche Welten nicht immer? Gab es nicht immer die Unterwelt, aus der es, einmal in sie hineingelangt, keine zurück mehr gab in die Welt der „Lebenden“. Gab es nicht immer die Welt der Elfen und Feen in schottischen oder malaysischen Wohnstuben, aus denen es erst nach hunderten von Jahren eine Rückkehr gab? Sammelten die Gebrüder Grimm nicht Unmengen von wunderlichen, fremden und doch bekannten Welten aus der Imagination unserer Vorfahren ein? Gab es ein Troja, Atlantis, eine König-Artus-Tafelrunde, gab es den Osterhasen oder die Zahnfee?

 

Menschen lebten immer in ihren Traumwelten. Immer haben die „Realisten“ unter uns versucht, die Kinder, Verrückten, die Eiferer und „Sich-Verlierenden“ vor diesen Welten zu warnen. Immer gab es die verschiedenen Welten von Säuglingen, Kindern, Jugendlichen, Geschwistern, jungen Menschen, Erwachsenen, Frauen und Männern, Eltern, Großeltern, Alten, Ahnen und sogar Geistern.

 

Immer gab es die Alten, die ihre Enkel vielleicht mehr verstanden, als die eigenen Eltern, von denen viele „eigentlich“ in Ordnung sind. Immer gab es de Gleichaltrigen, wo „man“ sich eher mit dem aus den USA oder aus China versteht.

 

Wir Erwachsenen leben täglich unsere realen Illusionen. Wir fahren Auto, wir kaufen im Supermarkt, verkaufen Waffen an alle Despoten, wir schicken unsere Kinder in die Schulen oder wählen die, die weiter nach Kohle graben. Ist es da nicht mehr als verständlich, dass jugendliche und Kinder uns nicht mehr glauben und – in alter Manier – ihre modernen Scheinwelten aufsuchen. Diese produzieren „wir“ dann auch!

 

„Wir müssen harte Haushaltpolitik machen“, sagt am 9. Februar 2019 Herr Fraktionsvorsitzender Ralph Brinkhaus im Fernsehen. Er sagt dies angesichts der Umverteilung von vorhandenem Geld zwecks Veränderungen. Er könnte auch sagen: „Weiter so“, also nicht „wie früher“ a la AfD. Dabei geht es auch bei „Immer weiter“ immer weiter, ob Herr Brinkhaus das a la FDP meint? Nein! Weiter geht es mit der Realisierung von möglich gewordenen Visionen und Betreten neuer sich öffnender Türen in neue Realitäten.

 

Vielleicht gibt es in 500 Jahren die heutige „virtuelle Welt“ nur noch so wie jetzt Religionen, Märchen oder Legenden als Geschichte. Es wird neue alte Träume geben. Es wird immer die Warnung vor dem „Verlieren in fremden Welten“ geben.

 

Doch wir lebten schon immer in unseren Traumwelten, die sich weit in die Realität des Alltags hineinziehen. Oder leben wir gar in Träumen und das, was wir als Realität bezeichnen, ist nur ein Teil davon? In einer Welt des systemischen Konstruktivismus sind solche Fragen nicht nur erlaubt, sondern die Antworten von Mehrfachwelten und verschiedenen Realitäten sehr wahrscheinlich.

 

„Sicherlich werden wir weiter sowohl in der Welt unserer real existierenden Wirklichkeit als auch in der Wirklichkeit unserer Träume, Fantasien und Spiele leben.“

 

Die Realisierung seines Denkens ist das Mittel des Menschen sein Träumen von Freiheit, eines besseren Lebens ohne Armut und Zwang, glückliche und sinnerfülltem Leben hin zu seiner eigenen  Wirklichkeit zu verbessern.

 

So ist es heute im Gegensatz zu früheren Zeiten zum Beispiel verboten Kinder mit Schlägen in Familien und Schulen zu erziehen, Frauen und Kinder zu vergewaltigen, Schwule und Lesben zu töten oder Kinder für sich arbeiten zu lassen. Anbetracht der Lage einer weltweiten Armut, einer hirnlosen Ausbeutung der Natur, der Fluchtbewegungen, der bewussten Bedrohung des Klimas, einer Kommerzialisierung von Menschen, ihrer Nahrung und ihrer Gesundheit, der weiteren Benutzung von Krieg zur Erlangung und Erhaltung von Macht  ist dies nicht viel, aber ein sehr tendenziöser Beginn.

 

„Neue Entwicklungen sind nie identisch mit Erscheinungen der Vergangenheit. Aber sie haben ihre Ähnlichkeiten. Die Kunst ist die Gesetzmäßigkeiten aus der Vergangenheit kommend zu begreifen ohne dem Neuen seine neue Chance zu nehmen. Es gilt das Neue und das alte zu verstehen.“

 

Alle Menschen haben nichts anderes getan, als ihre Träume einer besseren Welt verwirklichen zu wollen. Sie tun und taten, was wir alle tun. Das Schaffen von geträumten oder imaginierten Wirklichkeiten ist immer das Ziel von Menschen gewesen. Die Träume selbst sind weder böse noch gut, weder weiß noch schwarz. Es sind unsere Taten, die erst Recht und Unrecht, Zwang oder Freiheit machen. Und dabei gibt es kein Wegschauen, kein Nichtsehen. Das macht nur zum Täter.

 

Medien, Politik, Werbung und Verkauf beflügeln auch heute lieber ein selbst betrügerisches Träumen der Menschen. Wundert es da, dass gerade junge Menschen wieder versuchen in ihre Traumwelten abzuwandern. Ist dies kein besserer Traum als er von mordenden Wikingern oder Franken, kriegslüsternden Romantikern, von Verderben und Tod bringenden jungen Faschisten, von nationalistischen Männern, die ihren „weißen Traum“ träumenden Traum umsetzend?

 

Was mir bleibt sind auch „kleine“ Fragen wie: Warum beschäftigen sich Kindergarten, Schule und Hochschulen so wenig mit der Realität der menschlichen Imaginationskraft? Warum bekämpfen Erwachsene die Traumwelten ihrer Kinder, während um sie herum Krieg geführt wird und Menschen in Erziehung und Bildung zum Arbeiten für andere abgerichtet werden?

 

„Wir wissen heute, dass unsere Gehirne – und jeder besitzt mehrere in seinem Kopf und Körper – so gemacht sind, dass wir die Welt für uns passend und belebbar konstruieren können. Wir wissen, dass diese dafür die notwendige Fähigkeit haben zu träumen, phantasieren und imaginieren.“

 

Sonst könnten wir, ohne die Auswahl an Möglichkeiten, Wahrheiten und Realitäten, ohne unsere Diversität und Vielfalt, nicht denken und „unsere Welt“ gestalten. Wir müssen gestalten in was wir leben. Und dazu müssen wir verschiedener Meinung sein, in jeder (!) Form und in den Inhalten des Denkens.

 

Wir leben als Menschen in Phasen. Wir werden, manche immer wieder,  durch Traumwelten der Liebe geführt. Wir denken wie Kinder. Wie erahnen und fühlen Katastrophen. Wir erleben Fieberträume. Wir sind depressiv oder überschwänglich. Wir sind alleine in Massen von Menschen. Wir berauschen uns mit Alkohol und anderen Drogen, um in andere Welten zu gelangen. Wir werden im Alter weise.

 

Wir fühlen uns einzeln als Individuen,. Aber als vereinzelte Lebewesen sind wir nicht in der Lage zu existieren. Wir brauchen die Gemeinschaft mit anderen Menschen. Wir gehen alleine „kaputt“. So geht es auch in unserem Inneren. Ohne die Vielzahl unserer Hoffnungen, ohne Ziele, ohne Träume gingen wir kaputt. Wir sind immer auf der Suche nach Möglichkeiten der Realisierung unserer Träume.

 

Wir leben von und in unseren Träumen und Realitäten. Und leben können wir nur mit einander. Wir machen unsere Echtzeit erst durch die Anerkennung aller Realitäten, die wir schaffen können.

 

„Eine Vermischung der virtuellen Realität und der physischen Realität wird gemischte Realität (engl. Mixed Reality, auch Augmented Reality) genannt.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Virtuelle_Realit%C3%A4t

 

Wir sind dabei unsere gemischten Realitäten anzuerkennen.