Elke Schilling,

 

Elternpflegschaftsvorsitzende der Grundschule Harmonie

 

 

 

Der Elternwille und die Politik

 

Eine kurze Einführung

 

für alle Eltern, die 2009 noch keine Kinder an unserer Schule hatten: Im Jahr 2009 hatten Eitorfer Politiker die Idee, zu erfahren, was Eltern nach der Grundschule für ihre Kinder wollen. Also wurde ein Fragebogen an allen Eitorfern Grundschulen verteilt. Das Ergebnis: die große Mehrheit der Eltern wollte eine Verlängerung der Grundschulzeit, auf Platz 2 landete die Gesamtschule.

 

 

 

Dieses Ergebnis führte offenbar zu einer derart großen Verwirrung, dass auch jetzt zwei Jahre danach keinerlei Reaktion hinsichtlich der Umsetzung des Elternwillens erkennbar ist. Da unser Interesse war, diesen Elternwillen (Verlängerung der Grundschule) umzusetzen, gründeten wir eine Elterninitiative und wandten uns mit unserem Anliegen an das Bildungsministerium (damals noch unter CDU-Führung). Unsere Schreiben wurden in einer Art und Weise beantwortet, die man durchaus als reine Unverschämtheit bezeichnen kann. Wir lernten damals, dass der Elternwille weder die Kommunal- noch die Landespolitiker interessiert. Im Gegenteil: Er ist unbequem.

 

 

 

Einladung

 

Und nun erhielt ich als Schulpflegschaftsvorsitzende eine Einladung der CDU NRW/Rhein-Sieg zu einem Diskussionsabend zum Thema: „Jedem Kind gerecht werden“ – Schulpolitisches Konzept der CDU NRW.

 

 

 

An diesem Abend sollte der Leitantrag der CDU zum Thema Schulreform u.a. auch mit Eltern offen diskutiert werden. Nun war es natürlich meine freie Interpretation zu glauben, dass sich doch tatsächlich die CDU nach der verlorenen Wahl für den „Elternwillen“ interessiert und diesen in ihren Leitantrag einbringen wird. Also folgten Christoph Freitag und ich motiviert am Dienstagabend der Einladung. Der Vorschlag des Leitantrags lag für alle Beteiligten aus. Viele gute Schlagwörter wieInklusion fördern“ – „Elternwille berücksichtigen“, „Individuell fördern in kleinen Klassen“,Integration fördern“ .... stachen heraus. Es liest sich gut, wenn man den Teil überliest, der klar formuliert, dass die CDU an dem bisherigen 3gliederigen Schulsystem unter allen Umständen festhalten wird.

 

 

 

Wie genau kann denn nun eine umfassende Reform aussehen, wenn man am alten System festhält? Eingeladen von der CDU zu Podiumsdiskussion waren je ein Schulleiter/in einer Real-, Haupt-, Gesamt- und Grundschule sowie des Bildungskollegs. Leider gehört ein gutes Namensgedächtnis nicht zu meinen Stärken, so dass ich vermeiden möchte, hier Namen durcheinander zu werfen. Wer sich für die einzelnen Referenten namentlich interessiert, kann sich gerne an Christoph Freitag wenden. Namentlich im Gedächtnis geblieben ist mir Herr Klein vom DIW (Deutsche Institut für Wirtschaft) und Frau Elisabeth Winkelmeier-Becker (Mitglied des Bundestags).

 

 

 

Schule

 

Viele Aussagen der geladenen Gäste waren für mich mehr als erstaunlich. So erfuhren wir u.a., dass

 

die Hauptschule die einzige Schule ist, die die Schüler praxisorientiert auf das Berufsleben vorbereitet.

 

es völlig unwichtig ist, auf welche Schule die Kinder nach der Grundschule gehen, da schließlich jedes Kind, dank des Berufskollegs, die Möglichkeit hat, dass Abitur zu machen.

 

jetzt wird es interessant: über 90 % der Eltern von 1- und 2-Klässern sich für Ihre Kinder nur den Besuch des Gymnasiums vorstellen können. Erst im 3. und 4. Schuljahr sind wir Eltern realistisch genug um einzusehen, dass unsere Kinder nicht für das Gymnasium geeignet sind. Und nur aus diesem Grund wünschen wir uns dann ein anderes Schulsystem.

 

wir nicht nach Finnland schauen müssen (hierzu komme ich später noch mal)wir keine Schulversuche brauchen

 

das deutsche Gesamtschulsystem als gescheitert angesehen werden kann.

 

 

 

Es wurde auch erläutert, welche Kinder der Wahrscheinlichkeit nach, später Problemschüler werden könnten. Neben Gruppen wie Kinder mit Migrationshintergrund oder Kinder aus bildungsfernen Familien wurde eine weitere Gruppe genannt – die Jungen. Ausgedrückt wurde es in der Form, dass es reicht, kein Mädchen zu sein.

 

 

 

Dies ist nur eine Auswahl – jedem ist die Wertung dieser Aussagen selbst überlassen. Es fiel uns schon teilweise recht schwer, jedem Redner mit dem nötigen Respekt und Anstand zuzuhören. Einige Zuhörer verließen die Veranstaltung jedoch frühzeitig.

 

 

 

Elternwille

 

Aber da war ja noch das Interesse den Elternwillen zu erfahren – dachte ich. Also meldete ich mich zu Wort. Die Vorstellung meiner Person als Vertreter der Eltern der Grundschule Harmonie führte dazu, dass ich tatsächlich nach vorne ans Podium gebeten wurde.

 

 

 

Auch die Bemerkungen der geladenen Gäste „Ah, von der berühmt, berüchtigten Harmonie“ zeigt, dass unsere Schule nicht unbekannt ist. Also kam ich zum Elternwillen am Beispiel der oben beschriebenen Umfrage und deren Ergebnis. Darauf folgte die durchaus unqualifizierte und falsche Aussage, dass es nicht eine Studie gibt, die belegt, dass eine Verlängerung der Grundschulzeit irgendwelche Vorteile für die Kinder hat.

 

 

 

Ich wies daraufhin, dass diese Aussage nicht stimmt und, dass wir im Grunde eine Verlängerung bis zur 10. Klasse benötigen. Da ich jedoch Menschen und somit auch den Politikern grundsätzlich nicht unterstelle, wissentlich falsche Aussagen zu treffen, werde ich diesem Herrn noch die ein oder andere diesbezügliche Studie zukommen lassen. Mir liegt es doch am Herzen, dass er eventuelle Wissenslücken schließen kann und somit die reelle Chance hat, seine Position aufgrund veränderter Fakten zu überdenken. Eventuell wächst hierdurch auch die Bereitschaft, Eltern zuzuhören.

 

 

 

Kinder

 

Meine Frage, was mit den Kindern, die im Rahmen der Inklusion an unserer Schule sind, nach der 4. Klasse passiert, blieb völlig unbeantwortet. Große Ratlosigkeit war zu erkennen.

 

 

 

Ich ließ auch nicht unerwähnt, dass unsere Kinder bei IGLU gut abschneiden und erst nach dem Übergang zur Sekundarstufe I bei PISA schlechter abschneiden.

 

 

 

Dies würde doch für das Konzept von Grundschule sprechen. Die CDU vertritt hier die Meinung, dass IGLU ganz und gar nicht aussagt, dass unsere Grundschüler im Vergleich zu anderen Ländern gut abschneiden. Das gute Abschneiden liegt ausschließlich darin begründet, dass Deutschland später als andere Länder einschult und unsere Kinder daher beim Test älter sind. Keineswegs seien unsere Kinder besser als andere.

 

 

 

In weiten Teilen des Abends hatte ich den Eindruck, dass es doch recht praktisch ist, „Problemkinder“ in den Schulen zu haben. So hat man immer eine recht einfache Begründung, warum Schule nicht mehr richtig funktioniert. Die Schüler sind schuld.

 

 

 

Ein weiterer Zuhörer hatte jedoch einen sehr interessanten Einwand. Er sah das Problem nicht bei den Kindern, die immer „schwieriger“ werden, sondern im Schulsystem, welches nicht in der Lage ist, sich auf die veränderten Kinder einzustellen. Dies hielt er allerdings für die Pflicht der Schulen. Und da war er wieder – der Elternwille. Leider ließ der Zeitrahmen eine längere Diskussion nicht zu.

 

 

 

Lernen

 

Meinen Hinweis, dass es durchaus Sinn macht, nach Finnland zu schauen, führte zu einer kaum hörbaren diffusen „Diskussion“ am Podium. Aussagen wie „Finnland ist nur gut, weil es dort keine Schüler mit Migrationshintergrund gibt“, waren – wenn auch sehr leise - zu vernehmen.

 

 

 

Später erläuterte Herr Klein sehr gut den Unterschied zwischen Deutschland und Finnland. Es wurde wohl jedem klar, dass wir gut daran täten, von Finnland zu lernen. Reaktionen anderer Zuhörer zeigten uns, dass es mehr Teilnehmer gab, die unsere Einwände und Fragen gut heißen. Somit ging diese „rege Diskussionsrunde“ zu Ende. Im Schlusswort wurde doch auch noch einmal erwähnt, dass man auch über den Elternwillen nachdenkt.

 

 

 

Einladung

 

Christoph Freitag und ich verließen die Veranstaltung doch etwas enttäuscht und um eine Illusion beraubt. Bereits im Auto sitzend kam uns jedoch die Idee, dass evtl. der Kinderwille zählt. Die meisten Politiker hatten sich bereits verabschiedet und so wandten wir uns an Frau Winkelmeier-Becker. Wir schlugen ihr vor, dass sie unsere Schule besucht und mit den Kindern redet, um zu erfahren, was diese wollen. Denn schließlich reden wir von der Zukunft unserer Kinder. Und dies ist der – aus unserer Sicht – wirklich positive Abschluss des Abends.

 

 

 

Frau Winkelmeier-Becker nahm unsere Einladung gerne an und möchte dieser evtl. auch mit Kollegen folgen. Sie hat uns gebeten, einen Termin entweder kurz vor oder nach den Sommerferien mit ihrer Sekretärin abzustimmen. So werden unsere Kinder die Möglichkeit bekommen, einem Mitglied des Bundestages zu zeigen, dass Grundschüler eine klare Vorstellung von Schule haben und, dass bereits Grundschüler Demokratie leben. Wir freuen uns auf diesen Besuch. Und vielleicht ist es ja der Kinderwille, der die Politiker überzeugt.