Jürgen Göndor

 

Die Homepage - per Mail 2021

 

 

Dann habe ich entdeckt, dass die Seite ja sehr lang ist und habe neugierig nach unten gescrollt. Und siehe da, zig weitere Bücher oder auch die gesuchten Texte zu den Links.

 

 

Und dann habe ich mich fest gelesen. Nun kenne ich Walter Hövel persönlich, habe seine Schule in Eitorf besucht und dort hospitiert. Ich habe mit ihm auch über den Offenen-Unterricht von Falko Peschel diskutiert. Aber diese geballte Erfahrung und Praxisbeschreibung hat mich dann doch vom Hocker gerissen.

 

„Wenn ich in die Klasse komme, sage ich den Kindern nicht: ‚Ich habe Euch heute etwas mitgebracht und darüber werden wir heute arbeiten.‘ Sondern ich frage sie: ‚Was macht ihr heute, an was wollt ihr arbeiten?'“ und ich weiß auch, dass Walter das nicht nur erzählt, sondern auch getan hat. Und nicht nur er, sondern diese Sichtweise fand sich im ganzen Kollegium.

 

 

Das habe ich gemerkt, als ich Artikel für eine Festschrift zu seinem sechzigsten Geburtstag – auch in seinem Kollegium – gesammelt habe. https://www.yumpu.com/de/document/read/22099107/festschrift-zum-60-geburtstag-von-walter-hovel-grundschule-

 

 

Der Klassenrat und die Schulversammlung waren nicht nur reformpädagogische Feigenblätter, sondern gelebte Praxis. Daher lohnt sich ein Studium der Beiträge der Webseite wirklich! Herbert Hagstedt, der an der Uni Kassel tätig war und dort lange Jahre die Forschungsstelle für Freinetpädagogik geleitet hat, sagte über Walter Hövel: „Er hat die Freinetpädagogik nicht nur umgesetzt, sondern in die heutige Zeit weiterentwickelt!“

 

 

Ein Beispiel, wie Probleme bearbeitet werden können:
Es gibt Schulen, die die SchülerInnen mit einbeziehen, allerdings anders - Nicht bei der Etablierung des Standards der guten Schule – natürlich nur von Schulleitung und LehrerInnen entwickelt, der dann aber gilt – sondern jeden Monat in einer Kinderkonferenz praktiziert. Und da kommt alles auf den Tisch.

 

Kinderkonferenz. Kinder anders beobachten: Wir hatten diese Konferenzform eingeführt, um Kinder ganzheitlich und als gleichwertige Menschen zu verstehen. […] Es geht nicht darum, über „problematische“, „schwache“ oder „schwierige“ Kinder zu reden, sondern es geht um unsere Probleme, die wir in der LernKooperation mit Kindern haben, sehen und wahrnehmen. […] es ist ‚genügsam’, in seinen guten Phasen, ein ‚nettes Faultier’. Es hat das zweite Schuljahr auf Antrag der Mutter wiederholt. Dieses Mehr an Zeit hat ihm keinen entscheidenden Gewinn gebracht. Es hat eine schwere Zeit des Leidens durch die Trennung seiner Eltern hinter sich. Die Mutter hat den Vater aus Erziehung und Schule herausgehalten. Jetzt ist die Trennung vollzogen, das Kind lebt bei der Mutter, die Verhältnisse sind geklärt. Es gibt nun feste Besuchszeiten beim Vater, der sich jetzt gezielter und bewusster um seinen Sohn kümmert. Das Kind ist ausgesprochener Experte für Tiere. Erst erzählte es so gut wie nichts, jetzt entpuppt es sich als ein begnadeter Geschichtenerzähler im Kreis. Sein Sprachschatz ist auf einem hohen Niveau, es gebraucht – ohne dass es altklug wirkt - auffallend oft Fremdwörter. Im vorigen Jahr hatte es mit einem Mitschüler eine ‚negative Stütze’, es hat sich nach dem Weggehen keinen ‚Ersatzpartner’ besorgt. Wir fragen nach seinem Selbstwertgefühl, kommen aber nicht weiter. Es fügt sich nur eine weitere Facette seines Verhaltens hinzu. Es dreht sich oft einfach nur im Kreis, wie ein Hospitalismus geschädigter Löwe. Es schreibt nicht gerne, seine geschriebenen Texte sind weit entfernt von seinem mündlichen Können, seine Schrift ist nicht entwickelt. Es vermeidet Schreiben wo es nur geht. Aber es wendet sich immer wieder an hospitierende Gäste und bittet sie mit ihm oder für ihn zu schreiben. Einem Kollegen fällt der Freinetkindergarten PrinzHöfte in Norddeutschland ein. Dort gab es ‚Sekretäre’. Dies sind Kinder, die bereits schreiben können und für noch nicht schreibende Kinder aufschreiben. Also wird sofort beschlossen, dass wir im Klassenrat anfragen, wer für unser Kind – falls es will – als Sekretäre zur Verfügung stehen möchten. Wenn es oft unglücklich und freudlos erscheint, so verändert sich seine gesamte Aura, wenn es im Forum die Fische füttert und pflegt. Das Kind scheint alles das gerne zu tun, was nicht Schule ist. Es ist in Mathe extrem schwach. Es hat noch fast zwei Jahre Zeit bei uns. Es liest nicht viel und das in einer Umgebung mit Bücher verschlingenden Mitschülern und Büchereien in allen Teilen der Schule. Es hat ‚Aussetzer’, es sitzt vieles aus. Es verläuft sich in seinem eigenen Kopf’. Es ist mit seinen eigenen Zwischenergebnissen nicht zufrieden und bringt – enttäuscht von sich selbst – seine Arbeiten nicht zu Ende. Und dies basiert auf einer recht realistischen Einschätzung. Es wirkt kraftlos, es kann sich selbst – auch im Sportunterricht – nicht hochziehen. Wir fragen uns noch einmal Richtung Eltern, ob das Kind nicht – zumindest eine Zeit – ‚lästig’ war, oder es diesen Eindruck gewinnen musste. Es taucht gerne unter. Worauf die Frage gestellt wird, ob es schwimmen kann. Nun taucht die entscheidende Frage auf, was wir und es tun sollen. Und wir waren entscheidungsfähig. Wir werden auf keinen Fall an seinem ‚Sozial- und Arbeitsverhalten’ arbeiten. Wir werden es den größten Teil seines schulischen Alltages alles das machen lassen, was für es nicht Schule ist. Es soll als anerkannter Experte über Tiere forschen und erzählen, es soll basteln, bauen und am Computer Powerpoints und Oberflächenprogramme erstellen. Vor allem aber werden wir es lassen. Wir haben beschlossen es zu fragen, ob es in Mathe und Schreiben von vorne anfangen will, ohne ein Jahr zu wiederholen.“ (Kinderkonferenz (o.Datum), Hövel, Walter https://www.walter-hoevel.de/kinderkonferenz/)

 

 

Wirft das nicht ein grelles Licht auf die gesamte Schullandschaft. Auf Schulen, die so oder ähnlich arbeiten, die sich daran gemacht haben, einen eigenen anderen Weg zu anzustreben und auf solche Schulen, die das nicht tun? Auf solche Schulleitungen und solche, auf solche LehrerInnen und solche?

 

 

Es geht nicht darum, mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf irgendjemand zu weisen (denn es zeigen immer mindestens drei Finger auf einen selbst), es geht auch nicht darum irgendjemand zu beschämen. Solche Texte könnten Anregung dafür sein, über eigene Vorstellungen, das eigene Reden, die eigene Praxis nachzudenken. Anregung die Möglichkeiten eigener erster Schritte ins Auge zu fassen. Jeder Weg – auch der längste – beginnt mit einem ersten Schritt. Pack‘ mers.